Wer heute erzählt, dass man in den 1970ern und 80ern im Juli auf über zwanzig Alpengletschern Ski fahren konnte, erntet ungläubige Blicke. Corvatsch im August? Titlis im Juli? Alles Normalität – bis die Gletscher zu schwinden begannen. Dies ist die Chronik des Rückzugs.

Schweiz: der frühe Rückzug

JahrGebietAnmerkung
1992Laax (Vorab)einst Sommer-Trainingsziel der Nationalteams
1993St. Moritz / CorvatschSommerski auf 3300 m
1998St. Moritz / Diavolezzaheute noch Gletscher-Herbstbetrieb
1999 / 2013Verbier / Mont Fortzweistufiger Rückzug
2004Glacier 3000 / GstaadSommerski eingestellt, Herbstsaison blieb
2006Engelberg / Titlisletzter Zentralschweizer Sommerbetrieb

Die Schweiz verlor ihre Sommerskigebiete früh – die vergleichsweise tief liegenden Gletscherzungen aperten zuerst aus. Übrig blieben die zwei höchsten Standorte: Zermatt (bis 3883 m) und Saas-Fee (bis 3500 m, heute ab Mitte Juli).

Österreich: vom Stubaier Schock bis zum Dachstein-Abbau

  • 2003 – Stubaier Gletscher: Der Jahrhundertsommer beendet den Sommerskibetrieb an Österreichs grösstem Gletschergebiet. Ein Signal für die ganze Branche.
  • In den Folgejahren ziehen sich auch Sölden, Kaunertal und Mölltal aus dem Hochsommer zurück – geblieben sind Herbst- und Frühjahrssaisons.
  • 2022/2023 – Kitzsteinhorn: Das Gletschergebiet ob Kaprun, einst stolz auf Sommerski seit 1965, beendet den Sommerbetrieb endgültig.
  • 2023 – Dachstein: Die Schlepplifte auf dem Gletscher werden abgebaut. Kein Denkmal, kein Neustart – Rückbau.
  • 2026 – Hintertux: Der letzte österreichische «365-Tage-Gletscher» legt erstmals eine geplante Sommerpause ein.

Italien & Frankreich: die grosse Ausdünnung

Auch südlich und westlich der Schweiz schrumpfte die Liste: Am Passo Presena, in Val Senales/Schnalstal und an anderen Standorten wich der Sommerbetrieb Herbstsaisons. In Frankreich reduzierten Les 2 Alpes und Tignes (Grande Motte) ihre Sommerfenster über die Jahre massiv – von «den ganzen Sommer» auf wenige Wochen im Frühsommer. Übrig als echter Ganzsommer-Betrieb ist in Italien das Stilfserjoch – mit 3450 m der höchstgelegene reine Sommerski-Klassiker der Alpen.

Die Geisterlifte

Die 1970er waren eine kühle, schneereiche Phase: An manchen Gletschern wurden Liftanlagen vom Schnee regelrecht überdeckt und wanderten ins Eis. Heute, durch die Schmelze wieder freigelegt, ragen ihre verbogenen Masten aus dem Eis – «Geisterlifte», die stumm dokumentieren, wo einst im Hochsommer gefahren wurde.

Warum Gebiete aufgeben, «obwohl noch Eis da ist»

Der Sommerski stirbt nicht erst, wenn der Gletscher weg ist – er stirbt Jahre vorher:

  1. Die Schneeauflage schmilzt weg. Auf blankem Eis lässt sich keine Piste präparieren.
  2. Spalten öffnen sich – Sicherheitsrisiko und Präparationsaufwand explodieren.
  3. Der Gletscher bewegt sich und verschiebt Liftmasten, die ständig neu gesetzt werden müssen.
  4. Die Nachfrage sinkt, weil Sulz ab Mittag und graubraune Pisten kein Ferienprospekt mehr füllen.

Stand Sommer 2026 tragen noch drei Standorte den Hochsommer-Skibetrieb der Alpen: Zermatt, das Stilfserjoch und (ab Mitte Juli) Saas-Fee. Wo man jetzt fahren kann →


Quellen: Report «Das Ende des ewigen Schnees» (Juni 2026), Gebietsangaben (Zermatt Bergbahnen, S.I.F.A.S., Gletscherbahnen Kaprun, Planai-Bahnen/Dachstein, Zillertaler Gletscherbahn), zeitgenössische Berichterstattung. Einzelne Jahreszahlen sind je nach Quelle als «letzte Sommersaison» oder «offizielle Einstellung» dokumentiert – wir führen die gebräuchlichste Angabe und präzisieren laufend.