Das Ende des ewigen Schnees
Sommerski war jahrzehntelang Normalität. Heute geht es nur noch an einer Handvoll sehr hoher Gletscher, und selbst dort wird es von Jahr zu Jahr schwieriger. Diese Seite zeichnet den Weg nach: von der Blütezeit über die Bruchjahre bis zu den Prognosen.
Die Blütezeit
In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurden die Hochgletscher systematisch für den Sommerskilauf erschlossen. Die Eisflächen waren deutlich grösser und reichten tiefer, sodass viel mehr Terrain befahrbar war als heute. Skifahren im Juni und Juli galt an zahlreichen Gletschern als selbstverständlich.
Bemerkenswert: Die 1970er Jahre waren sogar eine vergleichsweise kühle, schneereiche Phase. An manchen Gletschern wurden Liftanlagen vom Schnee regelrecht überdeckt und wanderten immer tiefer ins Eis, bis sie verschwanden. Genau solche Anlagen tauchen heute, durch die Schmelze freigelegt, wieder auf.
Erst gegen Ende der 1970er und verstärkt ab den 1980er Jahren kehrte sich die Entwicklung um. Steigende Sommertemperaturen begannen, die dünne Schneeauflage über dem Gletschereis verlässlich wegzuschmelzen, und damit war der Anfang vom Ende eingeläutet.
Zur Einordnung: Von Mitte des 19. Jahrhunderts bis Mitte der 1970er verloren die Alpengletscher im Schnitt rund ein Drittel ihrer Fläche und die Hälfte ihres Volumens. Was danach kam, war kein langsames Ausklingen, sondern eine Beschleunigung.
Warum Höhe nicht mehr schützt
Für den Sommerskibetrieb zählt nicht die Lufttemperatur am Gipfel, sondern ob eine tragfähige Schneeauflage auf dem Eis liegt. Genau diese Auflage verschwindet immer früher.
Die Schweizer Gletscherfläche hat sich zwischen 1973 und 2016 etwa halbiert, von rund 2150 gezählten Gletschern verschwanden etwa 750 vollständig. Lagen unterhalb von 3000 Metern werden zunehmend eisfrei. Das Tempo nimmt zu: Verloren die Alpengletscher zwischen 1970 und 2000 jährlich etwa ein Prozent ihres Volumens, sind es seit 2000 zwei bis drei Prozent. Allein in den Hitzejahren 2022 und 2023 ging rund ein Zehntel der verbliebenen Eismasse verloren.
Entscheidend fürs Skifahren ist die Nullgradgrenze. In der Schweiz ist sie seit Beginn der Messungen um 200 bis 700 Meter angestiegen, besonders stark im Frühling und Sommer. Steigt sie über 4000 Meter, fällt selbst auf den höchsten Gletschern Regen statt Schnee.
Die Folge: Die schützende Schneedecke schmilzt weg, das blanke Gletschereis liegt frei, und Spalten öffnen sich. Über offenen Spalten lässt sich keine Piste mehr sicher präparieren. Hinzu kommt, dass sich der Gletscher bewegt und Liftmasten verschiebt. Deshalb geben Gebiete den Sommerbetrieb oft Jahre auf, bevor der Schnee tatsächlich ausbleibt.
Chronik der Einstellungen
24 Sommerskigebiete in den Alpen haben aufgegeben. Das Jahr bezeichnet das Ende des Sommerbetriebs, nicht die Schliessung des Gebiets: Die meisten fahren im Winter weiter.
| Jahr | Gebiet | Land | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| 198x | Cortina / Monte Cristallo | Italien | |
| 1992 | Laax (Vorab) | Schweiz | einst Sommer-Trainingsziel der Nationalteams |
| 1993 | Pitztaler Gletscher | Österreich | |
| 1993 | St. Moritz / Corvatsch | Schweiz | Sommerski auf 3300 m |
| 1998 | St. Moritz / Diavolezza | Schweiz | heute noch Gletscher-Herbstbetrieb |
| 1999 | Verbier / Mont Fort | Schweiz | zweistufiger Rückzug, endgültig 2013 |
| 2000 | Kaunertaler Gletscher | Österreich | |
| 2003 | Stubaier Gletscher | Österreich | Österreichs grösstes Gletschergebiet |
| 2004 | Glacier 3000 / Gstaad | Schweiz | Herbstsaison blieb |
| 2006 | Engelberg / Titlis | Schweiz | letzter Zentralschweizer Sommerbetrieb |
| 2006 | Sölden / Ötztal | Österreich | |
| 2007 | Marmolata | Italien | |
| 2008 | Presena / Tonalepass | Italien | |
| 2012 | Hochjochferner / Schnalstal | Italien | |
| 2013 | Cortina / Tofana | Italien | nur 2013 |
| 2022 | Mölltaler Gletscher | Österreich | |
| 2022 | La Grave / Girose | Frankreich | |
| 2022 | Alpe d'Huez / Sarenne | Frankreich | |
| 2023 | Kitzsteinhorn / Kaprun | Österreich | Sommerski seit 1965 |
| 2023 | Dachstein | Österreich | Schlepplifte abgebaut |
| 2026 | Zermatt / Theodul | Schweiz | Sommerbetrieb am 31. Juli eingestellt |
| 2026 | Hintertuxer Gletscher | Österreich | Ganzjahresbetrieb am 26. Juli aufgegeben |
| 2026 | Saas-Fee | Schweiz | Sommerbetrieb am 10. August eingestellt |
| 2026 | Stilfserjoch / Gentili | Italien | Sommerbetrieb am 15. August eingestellt, als letztes Gebiet der Alpen |
Vereinzelte Schliessungen in den 80ern und 90ern, dann eine deutliche Häufung ab 2022. Die Beschleunigung der Chronik spiegelt die Beschleunigung der Schmelze.
Die Bruchjahre
Der Stubaier zieht die Reissleine
Der Jahrhundertsommer 2003 markiert das Ende des Sommerskibetriebs am Stubaier Gletscher, Österreichs grösstem Gletschergebiet. Bis 2002 war Sommerski möglich, seither gilt das Gebiet nur noch von Oktober bis Juni als schneesicher. Ein Symbol für den Übergang ganzer Gletscher vom Ganzjahres- zum reinen Winterbetrieb.
Der Kollaps-Sommer
Ein schneearmer Winter plus Rekordhitze legten fast alles still. Regen fiel bis über 4000 Meter. Zermatt stellte den Sommerskibetrieb am 29. Juli ein und nahm ihn erst am 20. September wieder auf, rund 50 Tage Pause. Das Stilfserjoch pausierte von 20. Juli bis 20. September, also gut zwei Monate mitten im Hochsommer. Am Dachstein wurde die Notbremse gezogen, nur Hintertux blieb mit zeitweise rund sechs Pistenkilometern offen.
Rückbau wird endgültig
Am Kitzsteinhorn endete der Sommerbetrieb, am Dachstein wurden im März die Schlepplifte abgebaut. Aus temporären Pausen wurde an mehreren Orten ein dauerhaftes Aus. Die beiden Hitzejahre 2022 und 2023 kosteten zusammen rund zehn Prozent der verbliebenen Alpen-Eismasse.
Der Sommer, in dem den Alpen der Schnee ausging
Innerhalb von zwanzig Tagen gaben vier Gebiete auf: Hintertux beendete am 26. Juli den Ganzjahresbetrieb, Zermatt stellte am 31. Juli ein, Saas-Fee am 10. August, das Stilfserjoch am 15. August. Übrig blieb nichts. Zum ersten Mal in der Geschichte des alpinen Sommerskis läuft kein einziges Gebiet mehr.
Der Stand heute
Sommer 2026: fast alles eingestellt, im Herbst kamen sie zurück
Der Report vom Juni 2026 führte sechs offene Gebiete in den Alpen auf. In der Hitze von Juli und August haben Hintertux (26. Juli), Zermatt (31. Juli) und Saas-Fee (letzter Tag 9. August) eingestellt, das Stilfserjoch pausierte vom 15. August bis 4. September. Hintertux hat den Ganzjahresbetrieb ganz aufgegeben. Seit dem Herbst fahren die Gletscher wieder: Hintertux ab 2. Oktober, Saas-Fee ab 3. Oktober, Zermatt ab 14. Oktober. Die Spalte «heute» zeigt den aktuellen Stand.
| Gebiet | Höhe | Saison | Sommer 2026 | Heute |
|---|---|---|---|---|
| Zermatt – Matterhorn | 3'883 m | ganzjährig | eingestellt am 31. Juli, wieder offen seit 14. Oktober | … |
| Saas-Fee | 3'600 m | Winter 31. Okt. – 18. April, Sommer Juli – Okt. (Gletscher) | letzter Tag 9. August, wieder offen seit 3. Oktober | … |
| Stilfserjoch / Passo dello Stelvio | 3'450 m | 30. Mai – 1. November | Pause vom 15. August bis 4. September | … |
| Tignes / Grande Motte | 3'456 m | Nov – Mai, Juni – Aug | Sommersaison bis August | … |
| Les 2 Alpes | 3'523 m | Dez – Apr, Juni – Aug | Sommersaison bis August | … |
Diese Tabelle führt nur die Gebiete mit Sommersaison. Die vollständige Liste der Gletscherskigebiete der Alpen, 23 an der Zahl und davon 9 in der Schweiz, steht im nächsten Abschnitt. Der Datensatz umfasst die 85 Schweizer Gebiete und 14 ausserhalb der Schweiz. Der Dachsteingletscher fehlt mit Absicht: Dort ist der Skibetrieb nicht ausgesetzt, sondern aufgegeben, die Lifte werden abgebaut. Er steht unten in der Chronik und nicht in der Liste.
Hintergründe zu diesem Sommer: warum Zermatt schliessen musste und Saas-Fee nicht
Die Gletscherskigebiete der Alpen
Alle Gletscherskigebiete der Alpen, die noch fahren, nach Land, mit Starttermin und der Herkunft dieses Termins. Die Tabelle darüber zeigt nur den Sommerskilauf, diese hier alle.
Schweiz
| Gebiet | Höchster Punkt | Saisonstart | Saison | Stand heute |
|---|---|---|---|---|
| Saas-Fee Wallis · 100 km · CHF 87 | 3'600 m | 3. OktoberGletscher, zunächst die beiden oberen Skilifte | Winter 31. Okt. – 18. April, Sommer Juli – Okt. (Gletscher) | … |
| Diavolezza-Lagalb Graubünden · 35 km · CHF 88 | 2'978 m | 24. OktoberGletscherpiste, am 19. Oktober bestätigt; bis 15. November nur Mi, Sa, So | Okt – Mai | … |
| Engelberg-Titlis Obwalden · 82 km · CHF 78 | 3'028 m | 29. OktoberGletscher | Okt – Mai | … |
| Zermatt – Matterhorn Wallis · 360 km · CHF 92 | 3'883 m | 1. NovemberWintersaison | ganzjährig | … |
| Verbier / 4 Vallées Wallis · 410 km · CHF 92 | 3'330 m | 7. NovemberMont-Fort | Nov – April | … |
| Gstaad (inkl. Zweisimmen und Glacier 3000) Bern / Waadt · 200 km · CHF 82 | 2'971 m | 8. NovemberGlacier 3000 | Nov – Mai (Glacier 3000) | … |
| Corvatsch-Silvaplana Graubünden · 120 km · CHF 88 | 3'303 m | 21. NovemberWintersaison | Nov – April | … |
| LAAX (Flims Laax Falera) Graubünden · 224 km · CHF 92 | 3'018 m | 28. NovemberWintersaison, vorläufig | Nov – April | … |
| Crans-Montana Wallis · 140 km · CHF 85 | 3'000 m | kein Datum genannt | Dez – April | … |
Österreich
| Gebiet | Höchster Punkt | Saisonstart | Saison | Stand heute |
|---|---|---|---|---|
| Pitztaler Gletscher Tirol · 68 km · EUR 77 | 3'440 m | 26. SeptemberGletscher | Sep – Mai | … |
| Hintertuxer Gletscher Tirol · 60 km · EUR 68 | 3'250 m | 2. OktoberGletscher | Herbst bis Frühsommer | … |
| Sölden (Rettenbach- und Tiefenbachferner) Tirol · 146 km · EUR 86.50 | 3'340 m | 9. OktoberGletscher: Schwarze Schneidbahn I und II, Schlepplift Karleskogl | Okt – Mai | … |
| Stubaier Gletscher Tirol · 65 km · EUR 75.50 | 3'210 m | 9. OktoberGletscher | Okt – Mai | … |
| Kitzsteinhorn / Kaprun Salzburg · 63 km · EUR 82 | 3'029 m | 10. OktoberGletscher | Okt – Mai | … |
| Kaunertaler Gletscher Tirol · 55 km · EUR 75 | 3'113 m | 17. OktoberWintersaison | Sep – Mai | … |
| Mölltaler Gletscher Kärnten · 36 km · EUR 69 | 3'122 m | 1. NovemberGletscher | Okt – Mai | … |
Italien
| Gebiet | Höchster Punkt | Saisonstart | Saison | Stand heute |
|---|---|---|---|---|
| Schnalstaler Gletscher Südtirol · 42 km · EUR 62 | 3'212 m | 19. SeptemberGletscher, zunächst eine Rennpiste | Sep – Mai | … |
| Breuil-Cervinia / Valtournenche Aosta · 150 km · EUR 64 | 3'480 m | 24. OktoberPlateau Rosà | Okt – Mai | … |
| Presena / Passo Tonale Trentino · 100 km · EUR 64 | 3'000 m | 21. NovemberPontedilegno-Tonale | Nov – Mai | … |
| Marmolada / Arabba Venetien · 63 km · EUR 75 | 3'269 m | 28. NovemberArabba/Marmolada | Nov – April | … |
| Stilfserjoch / Passo dello Stelvio Südtirol · 20 km · EUR 48 | 3'450 m | kein Datum genannt | 30. Mai – 1. November | … |
Frankreich
| Gebiet | Höchster Punkt | Saisonstart | Saison | Stand heute |
|---|---|---|---|---|
| Tignes / Grande Motte Savoyen · 300 km · EUR 75 | 3'456 m | 21. NovemberWintersaison | Nov – Mai, Juni – Aug | … |
| Les 2 Alpes Isère · 220 km · EUR 66 | 3'523 m | 28. NovemberWintersaison | Dez – Apr, Juni – Aug | … |
Wo kann man im Oktober Ski fahren? →
Der Dachsteingletscher steht nicht in dieser Liste. Dort ist der Skibetrieb nicht ausgesetzt, sondern aufgegeben, die Lifte werden abgebaut.
Kennzahlen der Schweizer Gebiete aus dem eigenen Datensatz, die der Gebiete ausserhalb der Schweiz nach skiresort.com, abgerufen am 20. September 2026. Die Starttermine wurden am selben Tag bei den Bahnen gegengelesen. Kein Datum heisst: Die Bahn nennt keines. Hintertux sagt «voraussichtlich Ende September», Tignes «Ende November», Les 2 Alpes «Anfang Dezember». Das sind keine Termine, und wir erfinden keine. Preise sind Richtwerte für eine Tageskarte Erwachsene in der Hauptsaison.
Karte: aktiv und eingestellt
Prognosen
Für 2026 ist El Niño bestätigt. Die US-Wetterbehörde NOAA gab im Juni eine El-Niño-Advisory aus, mit erhöhter Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes Ereignis bis zum Winter. Für den europäischen Sommer wirkt El Niño allerdings nur indirekt: Treiber der Alpenhitze sind eher das warme Klimahintergrundsignal und die warmen Meere rund um Europa.
Langfristig ist das Bild eindeutig. Glaziologinnen und Glaziologen rechnen mit einem fast vollständigen Abschmelzen der Alpengletscher noch in diesem Jahrhundert. Bis 2050 dürfte deutlich mehr als die Hälfte der im Jahr 2000 vorhandenen Gletscherfläche verschwunden sein. Der Weltklimarat hält fest, dass kleinere Gletscher, etwa in den Alpen, weitgehend verschwinden werden, fast unabhängig vom Emissionspfad, weil grosse Eismassen erst mit Jahrzehnten Verzögerung reagieren.
Was das praktisch bedeutet: Sommerski wird zur Nische für sehr hohe Lagen. Der Wandel zeigt sich schon heute auch wirtschaftlich. Hintertux nannte für die Sommerpause neben dem Schnee ausdrücklich die geringe Nachfrage. Gäste suchen im Sommer zunehmend Wandern, Biken und Familienangebote statt Skifahren.
Prognosen sind mit Unsicherheit behaftet. Saisonale Wettervorhersagen geben Wahrscheinlichkeiten, keine Gewissheiten, und die genaue Gletscherentwicklung hängt von Schneebasis und Hitzewellen des jeweiligen Jahres ab.
Quellen
Gletscher und Klima: GLAMOS / ETH Zürich (M. Huss), Österreichische Akademie der Wissenschaften (L. Hartl), IPCC, Wikipedia zum Gletscherschwund seit 1850. Sommerskigebiete und Chronik: Wikipedia, Enviadi, SnowOnline, Schneehöhen, Snowplaza. Saison und Betrieb: Zermatt Bergbahnen / Matterhorn Glacier Paradise, S.I.F.A.S. (Passo Stelvio), Zillertaler Gletscherbahn (Hintertux), Bergfex. Wetter und Prognosen: NOAA Climate Prediction Center, WMO, ECMWF / Copernicus.
Diese Seite ist eine erklärende Zusammenstellung. Jahresangaben bezeichnen die Einstellung des Sommerbetriebs. Saisondaten, Schneehöhen und Prognosen sind wetter- und schneelagenabhängig und können sich kurzfristig ändern. Vor einer Anreise immer den aktuellen Status des Gebiets prüfen. Die historischen Kapitel stützen sich auf unseren Report «Das Ende des ewigen Schnees» vom 22. Juni 2026; der Abschnitt zum Stand heute wird bei jedem Bauen aus unserem eigenen Datensatz gerechnet.