🧊 Report · Stand 3. September 2026

Das Ende des ewigen Schnees

Sommerski war jahrzehntelang Normalität. Heute geht es nur noch an einer Handvoll sehr hoher Gletscher, und selbst dort wird es von Jahr zu Jahr schwieriger. Diese Seite zeichnet den Weg nach: von der Blütezeit über die Bruchjahre bis zu den Prognosen.

~40 %
der Gletschermasse seit 1970 verloren
~750
Schweizer Gletscher ganz verschwunden
2–3 %
Volumenverlust pro Jahr seit 2000
24
Sommerskigebiete eingestellt

Die Blütezeit

In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurden die Hochgletscher systematisch für den Sommerskilauf erschlossen. Die Eisflächen waren deutlich grösser und reichten tiefer, sodass viel mehr Terrain befahrbar war als heute. Skifahren im Juni und Juli galt an zahlreichen Gletschern als selbstverständlich.

Bemerkenswert: Die 1970er Jahre waren sogar eine vergleichsweise kühle, schneereiche Phase. An manchen Gletschern wurden Liftanlagen vom Schnee regelrecht überdeckt und wanderten immer tiefer ins Eis, bis sie verschwanden. Genau solche Anlagen tauchen heute, durch die Schmelze freigelegt, wieder auf.

Erst gegen Ende der 1970er und verstärkt ab den 1980er Jahren kehrte sich die Entwicklung um. Steigende Sommertemperaturen begannen, die dünne Schneeauflage über dem Gletschereis verlässlich wegzuschmelzen, und damit war der Anfang vom Ende eingeläutet.

Zur Einordnung: Von Mitte des 19. Jahrhunderts bis Mitte der 1970er verloren die Alpengletscher im Schnitt rund ein Drittel ihrer Fläche und die Hälfte ihres Volumens. Was danach kam, war kein langsames Ausklingen, sondern eine Beschleunigung.

Warum Höhe nicht mehr schützt

Für den Sommerskibetrieb zählt nicht die Lufttemperatur am Gipfel, sondern ob eine tragfähige Schneeauflage auf dem Eis liegt. Genau diese Auflage verschwindet immer früher.

Die Schweizer Gletscherfläche hat sich zwischen 1973 und 2016 etwa halbiert, von rund 2150 gezählten Gletschern verschwanden etwa 750 vollständig. Lagen unterhalb von 3000 Metern werden zunehmend eisfrei. Das Tempo nimmt zu: Verloren die Alpengletscher zwischen 1970 und 2000 jährlich etwa ein Prozent ihres Volumens, sind es seit 2000 zwei bis drei Prozent. Allein in den Hitzejahren 2022 und 2023 ging rund ein Zehntel der verbliebenen Eismasse verloren.

Entscheidend fürs Skifahren ist die Nullgradgrenze. In der Schweiz ist sie seit Beginn der Messungen um 200 bis 700 Meter angestiegen, besonders stark im Frühling und Sommer. Steigt sie über 4000 Meter, fällt selbst auf den höchsten Gletschern Regen statt Schnee.

Die Folge: Die schützende Schneedecke schmilzt weg, das blanke Gletschereis liegt frei, und Spalten öffnen sich. Über offenen Spalten lässt sich keine Piste mehr sicher präparieren. Hinzu kommt, dass sich der Gletscher bewegt und Liftmasten verschiebt. Deshalb geben Gebiete den Sommerbetrieb oft Jahre auf, bevor der Schnee tatsächlich ausbleibt.

Chronik der Einstellungen

24 Sommerskigebiete in den Alpen haben aufgegeben. Das Jahr bezeichnet das Ende des Sommerbetriebs, nicht die Schliessung des Gebiets: Die meisten fahren im Winter weiter.

JahrGebietLandAnmerkung
198x Cortina / Monte Cristallo Italien
1992 Laax (Vorab) Schweiz einst Sommer-Trainingsziel der Nationalteams
1993 Pitztaler Gletscher Österreich
1993 St. Moritz / Corvatsch Schweiz Sommerski auf 3300 m
1998 St. Moritz / Diavolezza Schweiz heute noch Gletscher-Herbstbetrieb
1999 Verbier / Mont Fort Schweiz zweistufiger Rückzug, endgültig 2013
2000 Kaunertaler Gletscher Österreich
2003 Stubaier Gletscher Österreich Österreichs grösstes Gletschergebiet
2004 Glacier 3000 / Gstaad Schweiz Herbstsaison blieb
2006 Engelberg / Titlis Schweiz letzter Zentralschweizer Sommerbetrieb
2006 Sölden / Ötztal Österreich
2007 Marmolata Italien
2008 Presena / Tonalepass Italien
2012 Hochjochferner / Schnalstal Italien
2013 Cortina / Tofana Italien nur 2013
2022 Mölltaler Gletscher Österreich
2022 La Grave / Girose Frankreich
2022 Alpe d'Huez / Sarenne Frankreich
2023 Kitzsteinhorn / Kaprun Österreich Sommerski seit 1965
2023 Dachstein Österreich Schlepplifte abgebaut
2026 Zermatt / Theodul Schweiz Sommerbetrieb am 31. Juli eingestellt
2026 Hintertuxer Gletscher Österreich Ganzjahresbetrieb am 26. Juli aufgegeben
2026 Saas-Fee Schweiz Sommerbetrieb am 10. August eingestellt
2026 Stilfserjoch / Gentili Italien Sommerbetrieb am 15. August eingestellt, als letztes Gebiet der Alpen

Vereinzelte Schliessungen in den 80ern und 90ern, dann eine deutliche Häufung ab 2022. Die Beschleunigung der Chronik spiegelt die Beschleunigung der Schmelze.

Die Geschichte hinter der Tabelle, Gebiet für Gebiet →

Die Bruchjahre

2003

Der Stubaier zieht die Reissleine

Der Jahrhundertsommer 2003 markiert das Ende des Sommerskibetriebs am Stubaier Gletscher, Österreichs grösstem Gletschergebiet. Bis 2002 war Sommerski möglich, seither gilt das Gebiet nur noch von Oktober bis Juni als schneesicher. Ein Symbol für den Übergang ganzer Gletscher vom Ganzjahres- zum reinen Winterbetrieb.

2022

Der Kollaps-Sommer

Ein schneearmer Winter plus Rekordhitze legten fast alles still. Regen fiel bis über 4000 Meter. Zermatt stellte den Sommerskibetrieb am 29. Juli ein und nahm ihn erst am 20. September wieder auf, rund 50 Tage Pause. Das Stilfserjoch pausierte von 20. Juli bis 20. September, also gut zwei Monate mitten im Hochsommer. Am Dachstein wurde die Notbremse gezogen, nur Hintertux blieb mit zeitweise rund sechs Pistenkilometern offen.

2023

Rückbau wird endgültig

Am Kitzsteinhorn endete der Sommerbetrieb, am Dachstein wurden im März die Schlepplifte abgebaut. Aus temporären Pausen wurde an mehreren Orten ein dauerhaftes Aus. Die beiden Hitzejahre 2022 und 2023 kosteten zusammen rund zehn Prozent der verbliebenen Alpen-Eismasse.

2026

Der Sommer, in dem den Alpen der Schnee ausging

Innerhalb von zwanzig Tagen gaben vier Gebiete auf: Hintertux beendete am 26. Juli den Ganzjahresbetrieb, Zermatt stellte am 31. Juli ein, Saas-Fee am 10. August, das Stilfserjoch am 15. August. Übrig blieb nichts. Zum ersten Mal in der Geschichte des alpinen Sommerskis läuft kein einziges Gebiet mehr.

Der Stand heute

Zurzeit läuft in den Alpen kein Sommerskibetrieb

Der Report vom Juni 2026 führte sechs offene Gebiete in den Alpen auf. Seither haben Hintertux, Zermatt und Saas-Fee eingestellt. Dieser Absatz wird beim Bauen aus unserem Datensatz gerechnet und nicht aus dem Report abgeschrieben.

Gebiet Höhe Saison Stand heute
Zermatt – Matterhorn 3'883 m ganzjährig eingestellt am 31. Juli 2026
Saas-Fee 3'500 m Mitte Juli – April eingestellt am 10. August 2026
Stilfserjoch / Passo dello Stelvio 3'450 m 30. Mai – 1. November eingestellt am 15. August 2026

In Frankreich fahren Tignes und Val d'Isère ebenfalls kurze Gletschersaisons bis Mitte Juli. Sie stehen nicht in unserem Datensatz, der die 85 Schweizer Gebiete plus Hintertux und das Stilfserjoch umfasst.

Hintergründe zu diesem Sommer: warum Zermatt schliessen musste und Saas-Fee nicht

Karte: aktiv und eingestellt

Gletscherskigebiet Sommerski aufgegeben (mit Jahr) Nur die Schweizer Standorte; die Chronik oben deckt die ganzen Alpen ab.

Prognosen

Für 2026 ist El Niño bestätigt. Die US-Wetterbehörde NOAA gab im Juni eine El-Niño-Advisory aus, mit erhöhter Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes Ereignis bis zum Winter. Für den europäischen Sommer wirkt El Niño allerdings nur indirekt: Treiber der Alpenhitze sind eher das warme Klimahintergrundsignal und die warmen Meere rund um Europa.

Langfristig ist das Bild eindeutig. Glaziologinnen und Glaziologen rechnen mit einem fast vollständigen Abschmelzen der Alpengletscher noch in diesem Jahrhundert. Bis 2050 dürfte deutlich mehr als die Hälfte der im Jahr 2000 vorhandenen Gletscherfläche verschwunden sein. Der Weltklimarat hält fest, dass kleinere Gletscher, etwa in den Alpen, weitgehend verschwinden werden, fast unabhängig vom Emissionspfad, weil grosse Eismassen erst mit Jahrzehnten Verzögerung reagieren.

Was das praktisch bedeutet: Sommerski wird zur Nische für sehr hohe Lagen. Der Wandel zeigt sich schon heute auch wirtschaftlich. Hintertux nannte für die Sommerpause neben dem Schnee ausdrücklich die geringe Nachfrage. Gäste suchen im Sommer zunehmend Wandern, Biken und Familienangebote statt Skifahren.

Prognosen sind mit Unsicherheit behaftet. Saisonale Wettervorhersagen geben Wahrscheinlichkeiten, keine Gewissheiten, und die genaue Gletscherentwicklung hängt von Schneebasis und Hitzewellen des jeweiligen Jahres ab.

Quellen

Gletscher und Klima: GLAMOS / ETH Zürich (M. Huss), Österreichische Akademie der Wissenschaften (L. Hartl), IPCC, Wikipedia zum Gletscherschwund seit 1850. Sommerskigebiete und Chronik: Wikipedia, Enviadi, SnowOnline, Schneehöhen, Snowplaza. Saison und Betrieb: Zermatt Bergbahnen / Matterhorn Glacier Paradise, S.I.F.A.S. (Passo Stelvio), Zillertaler Gletscherbahn (Hintertux), Bergfex. Wetter und Prognosen: NOAA Climate Prediction Center, WMO, ECMWF / Copernicus.

Diese Seite ist eine erklärende Zusammenstellung. Jahresangaben bezeichnen die Einstellung des Sommerbetriebs. Saisondaten, Schneehöhen und Prognosen sind wetter- und schneelagenabhängig und können sich kurzfristig ändern. Vor einer Anreise immer den aktuellen Status des Gebiets prüfen. Die historischen Kapitel stützen sich auf unseren Report «Das Ende des ewigen Schnees» vom 22. Juni 2026; der Abschnitt zum Stand heute wird bei jedem Bauen aus unserem eigenen Datensatz gerechnet.