Update, 6. August 2026: Auch Saas-Fee stellt den Sommerskibetrieb ein. Letzter Betriebstag ist der 9. August, ab dem 10. August steht der Feegletscher still. Damit hat die Schweiz keinen Sommerski mehr, und in den Alpen bleibt einzig das Stilfserjoch. Alles zur Meldung →

Seit dem Stopp des Sommerskibetriebs in Zermatt am 31. Juli 2026 taucht dieselbe Frage überall auf: Zermatt hat das höchste Skigelände der Alpen, bis 3899 Meter. Saas-Fee liegt gut 300 Meter tiefer, praktisch nebenan im selben Kanton, und fährt weiter. Das Stilfserjoch reicht nur bis 3450 Meter und fährt auch weiter. Wie geht das?

Die kurze Antwort: Die Höhenzahl, die überall zitiert wird, ist die falsche Zahl. Sie beschreibt den höchsten Punkt eines Skigebiets. Eine Piste fällt aber nicht von oben aus, sondern von unten. Und unten liegen die drei Gebiete viel näher beieinander, als die Schlagzeilen vermuten lassen.

Der entscheidende Vergleich

Was im Sommer zählt, ist nicht der höchste Lifthalt, sondern das Band, in dem tatsächlich Ski gefahren wird. Zermatts Sommergelände liegt auf dem Oberen Theodulgletscher zwischen der Testa Grigia (3479 m) und der Gobba di Rollin (3899 m). Saas-Fee fährt im Hochsommer ausschliesslich auf dem Feegletscher über Mittelallalin (3456 m), hinauf bis rund 3600 Meter. Das Stilfserjoch bedient im Sommer die Gletscherhänge über der Station Livrio.

Zermatt Theodulgletscher, seit 31. Juli still
3479–3899
Saas-Fee Feegletscher ab Mittelallalin
3456–3600
Stilfserjoch Gletscherlifte ab Livrio
3174–3450
Gemeinsame Skala von 2'700 bis 3'950 m. Jeder Balken zeigt Anfang und Ende, nicht nur den höchsten Punkt. Nur das Gelände, auf dem im Hochsommer tatsächlich Ski gefahren wird. Talabfahrten der Wintersaison sind nicht enthalten; beim Stilfserjoch reicht das Gebiet in der Vor- und Nachsaison bis zur Passhöhe auf 2758 m hinunter. Quellen: Zermatt Bergbahnen / zermatt.swiss, Saastal Bergbahnen, S.I.F.A.S. (Passo dello Stelvio), skiresort.com.

Zermatt und Saas-Fee starten praktisch auf derselben Höhe: 3479 gegen 3456 Meter, ein Unterschied von 23 Metern. Das ist im Gebirge nichts. Zermatt hat oben mehr Reserve, unten aber keine. Und weil die Piste am untersten Punkt zuerst aufweicht, ist der Vorsprung, den alle zitieren, für den Betrieb wertlos.

Beim Stilfserjoch stimmt die Höhendifferenz dagegen: Es fährt gut 280 Meter tiefer als Saas-Fee. Dort erklären andere Gründe den Betrieb, dazu weiter unten.

Faktor 1: Was die Bergbahnen selbst sagen

Die Zermatt Bergbahnen haben ihren Stopp begründet, und die Begründung enthält kein Wort über Höhenmeter. Genannt werden vier Punkte: anhaltend hohe Temperaturen, fehlende Nachtabkühlung, wiederholte Gewitter und veränderte Schnee- und Gletscherverhältnisse. Dazu kommt ein fünfter, der in der Berichterstattung meist untergeht:

«Die Herausforderungen an den technischen Unterhalt der Transportanlagen nehmen durch diese veränderten Verhältnisse laufend zu.»

Das ist ein bemerkenswerter Satz. Zermatts Sommerlifte stehen auf dem Gletscher, nicht daneben. Schmilzt das Eis unter den Stützen und bewegt es sich, wird nicht nur die Piste zum Problem, sondern die Anlage selbst. Ein Gebiet, das seine Bügellifte auf ein 4 km² grosses Firnfeld stellt, hat ein Wartungsproblem, das ein Gebiet mit drei Liften auf engem Raum nicht in derselben Grössenordnung hat.

Der zweite Punkt, die fehlende Nachtabkühlung, ist der eigentliche Kern. Für den Skibetrieb ist nicht entscheidend, wie warm es tagsüber wird, sondern ob der Schnee nachts wieder durchfriert. Ohne Frost bleibt die Auflage weich, die Piste lässt sich nicht mehr sicher präparieren, und darunter kommt blankes Eis mit offenen Spalten zum Vorschein. Und genau diese Nachtabkühlung fehlt derzeit im gesamten Alpenraum, wie unser Ausblick auf die nächsten zwei Wochen zeigt.

Faktor 2: Die Grösse des Versprechens

Zermatt hat sich jahrzehntelang als einziges ganzjährig geöffnetes Skigebiet der Schweiz vermarktet und präpariert im Sommer bis zu 20 Kilometer Piste auf dem Theodulgletscher. Saas-Fee öffnet die Gletschersaison erst Mitte Juli und fährt im Hochsommer nur bis 12 Uhr mittags.

Das ist kein Detail, sondern ein anderes Geschäftsmodell:

Zermatt Anspruch: ganzjährig
365 Tage
Saas-Fee 18. Juli 2026 bis 18. April 2027
274 Tage
Stilfserjoch 30. Mai bis 1. November 2026
156 Tage
Länge der angekündigten Saison 2026/27. Je länger das Versprechen, desto häufiger fällt es mit dem Wetter zusammen. Quellen: Zermatt Bergbahnen (Ganzjahresbetrieb), Saastal Bergbahnen / bergfex (Saisondaten), S.I.F.A.S.

Dazu kommt der Tagesablauf: Saas-Fee fährt im Hochsommer von 7 bis 12 Uhr und schliesst dann. Wer um Mittag zumacht, muss die Schneedecke nur über die kühlste Hälfte des Tages retten. Wer ein Ganzjahresgebiet betreibt und dazu 20 Kilometer Piste auf einem offenen Hochplateau präpariert, hat das grössere Versprechen und damit die grössere Fallhöhe. Saas-Fee öffnet, wenn es geht; Zermatt musste schliessen, weil es sonst immer offen ist.

Dass das kein Freibrief ist, zeigt die Vergangenheit: Saas-Fee hat seine Sommersaison schon einmal komplett abgesagt, nach einem schneearmen Winter und einem extrem heissen Sommer. Kein Gebiet der Alpen ist gegen diesen Sommer immun.

Faktor 3: Plateau gegen Hang, und warum «Nordhang» weniger erklärt als gedacht

Bleibt das Argument, das man in jedem Forum liest: Saas-Fees Gelände liege am Nordhang. Das stimmt geografisch. Der Süd-Feegletscher liegt an der Nordflanke des Allalinhorns (4027 m), grosse Teile davon bilden das Sommerskigelände. Zermatts Sommergelände liegt dagegen auf dem Plateau Rosa, einer weitgehend ebenen, offenen Hochfläche.

Nur: Im August trägt die Himmelsrichtung viel weniger aus, als die meisten annehmen. Auf 46 Grad Nord steht die Sonne Anfang August mittags 61 Grad über dem Horizont. Rechnet man den Einfallswinkel für eine 20 Grad geneigte Fläche aus, ergibt sich für den Mittag:

Südhang 20°
113 %
Ebene / Plateau
100 %
Nordhang 20°
75 %
Direkte Sonnenstrahlung pro Quadratmeter am Mittag, Anfang August auf 46° Nord, bezogen auf eine ebene Fläche. Zum Vergleich: zur Tagundnachtgleiche im März liegt derselbe Nordhang bei 59 % und der Südhang bei 129 % – die Himmelsrichtung entscheidet im Frühjahr also weit stärker als im Hochsommer. Eigene Berechnung aus Sonnenhöhe (Deklination 17°) und Flächenneigung. Nur Direktstrahlung am Mittag, ohne Bewölkung und ohne Abschattung durch umliegende Grate.

Ein Nordhang bekommt am Hochsommermittag also rund ein Viertel weniger ab als die Ebene, nicht die Hälfte. Im Frühjahr wäre der Unterschied deutlich grösser. Wer die Sommerskilage allein mit «Nordhang» erklärt, greift zu kurz.

Was der Nordhang trotzdem bringt, ist etwas anderes: Ein Gletscherbecken unter einem Viertausender wird morgens und abends von den seitlichen Graten beschattet, sammelt verwehten Schnee und liegt in einem Kaltluftsee. Eine offene Hochfläche wie das Plateau Rosa hat nichts davon. Sie hat freien Horizont in alle Richtungen und verliert Schnee an den Wind, statt welchen zu bekommen. Der Vorteil liegt also in der Geländeform, nicht in der Kompassnadel.

Und das Stilfserjoch, 280 Meter tiefer?

Hier greift ein Faktor, den die beiden Schweizer Gebiete nicht haben: Das Stilfserjoch fährt im Winter überhaupt nicht. Die Passstrasse ist von November bis Mai gesperrt, der Betrieb läuft nur von Ende Mai bis Anfang November – 2026 vom 30. Mai bis zum 1. November.

Das bedeutet: Der Winterschnee liegt dort ein halbes Jahr lang unberührt. Er wird nicht befahren, nicht verschoben, nicht bis auf die Unterlage abgetragen. Wenn im Mai der Betrieb startet, ist die Auflage eine gewachsene, gesetzte Winterschneedecke. Ein Ganzjahresgebiet startet in den Sommer mit einer Decke, die seit Dezember täglich präpariert und befahren wurde.

Dazu kommt das Gelände: Der Sommerbetrieb hängt an sechs Anlagen und rund 9 Pistenkilometern, davon 89 Prozent leicht – ein kompaktes Gebiet, das sich auf den Streifen konzentrieren kann, der noch trägt. Auch das Stilfserjoch ist nicht immun: 2017 musste es die Sommersaison Anfang August vorzeitig beenden, nach schneearmen Wintern und einer Nullgradgrenze über 4000 Metern.

Die Kurzfassung

ZermattSaas-FeeStilfserjoch
Skigelände im Sommer3479–3899 m3456–3600 m3174–3450 m
Geländeformoffenes HochplateauBecken an der NordflankeHänge über Livrio
BetriebsmodellganzjährigSaison ab Mitte Julinur Sommer, Winter gesperrt
Betrieb im Hochsommerganztags geplantbis 12 Uhr7.30–17 Uhr angeschrieben
Lifte auf Gletschereisja, grossflächigja, kompaktja, kompakt
Status 6. August 2026gestoppt seit 31. Juliletzter Tag 9. Augustin Betrieb

Die ehrliche Zusammenfassung lautet: Zermatt ist nicht ausgefallen, weil es hoch liegt, sondern obwohl es hoch liegt. Höhe schützt nur den obersten Rand eines Gebiets. Entscheidend sind die Schneeauflage am untersten Punkt, die Geländeform darunter und die Grösse dessen, was man dem Gast verspricht. In allen drei Punkten hat Zermatt den anspruchsvolleren Fall.

Und die eigentliche Nachricht ist nicht, welches Gebiet gerade noch fährt. Sie ist, dass von einst über einem Dutzend Sommerskigebieten in den Alpen ab dem 10. August ein einziges übrig ist.


Stand: 4. August 2026. Betriebsangaben ändern sich täglich – vor der Anreise die Angaben der Bergbahnen prüfen.

Quellen: Mitteilung der Zermatt Bergbahnen vom 31. Juli 2026; Snow-Forecast mit dem Wortlaut zum technischen Unterhalt; Wikipedia zum Theodulgletscher und zum Feegletscher für Gletschergeometrie und Exposition; skiresort.com für die Kennzahlen des Stilfserjochs; Sommerfahrpläne der Saastal Bergbahnen; Sonnenstandsrechnung eigen.