Wer im Sommer auf die Diavolezza, den Titlis oder zum Rhonegletscher fährt, sieht sie: weisse Bahnen, die über das Eis gelegt und an den Rändern zusammengenäht sind. Sie sehen aus wie ein Notverband, und in gewisser Weise sind sie das auch.
Die Methode funktioniert. Sie funktioniert sogar besser, als die meisten vermuten. Und sie ändert am Schicksal der Gletscher trotzdem nichts. Beides gleichzeitig zu sagen, ist der ehrliche Teil dieser Geschichte.
Wie das Vlies heisst und was es ist
Der Fachbegriff lautet Geotextil, im Alltag sagen alle Gletschervlies. Es handelt sich um ein weisses, mehrere Millimeter dickes Vlies, meist aus Polypropylen, das in Bahnen ausgerollt, vernäht und beschwert wird. Es liegt von Mai bis Ende August oder Anfang September, dann wird es eingeholt.
Zwei Dinge tut es gleichzeitig:
- Es reflektiert. Weiss wirft einen grossen Teil der Sonnenstrahlung zurück, bevor sie das Eis erreicht. Auf einem Gletscher ist die Einstrahlung der wichtigste Schmelzfaktor, deshalb ist das hier der entscheidende Punkt.
- Es dämmt. Die Faserschicht bremst zusätzlich den Wärmeeintrag aus der Luft.
Genau deshalb ist Vlies auf dem Gletscher richtig und weiter unten falsch. Für ein Schneedepot auf 1600 Metern taugt es nicht, dort dämmt Sägemehl viel besser. Die Grenze liegt bei etwa 2200 Metern; darunter zählt die Lufttemperatur mehr als die Sonne. Wie das im Detail funktioniert, steht in unserem Beitrag zum Snowfarming.
Die Wirkung: rund 60 Prozent
Verschiedene Untersuchungen kommen auf 50 bis 70 Prozent weniger Schmelze unter den Planen, der übliche Richtwert liegt bei rund 60 Prozent gegenüber der unbedeckten Fläche daneben.
Der eindrücklichste Einzelfall steht im Engadin. Auf dem Diavolezza wird seit rund zwei Jahrzehnten abgedeckt. Nach zehn Jahren war die Schnee- und Eisdecke an der behandelten Stelle nicht dünner, sondern rund zehn Meter dicker als zuvor. Das ist keine Statistik, das ist ein Gletscherstück, das sich in einer Zeit aufgebaut hat, in der ringsum alles verlor.
Und jetzt der Massstab
Dieselbe Methode, eine Ebene höher betrachtet:
In Zahlen: In der Schweiz sind rund 0,18 km² Gletscherfläche abgedeckt, das sind 0,02 Prozent der gesamten Gletscherfläche. Gerettet werden dadurch bis zu 350’000 Kubikmeter Eis pro Jahr, was 0,03 Prozent dessen entspricht, was jährlich wegschmilzt. Am Rhonegletscher, wo seit 2010 grossflächig abgedeckt wird, wurden über ein Jahrzehnt rund 0,3 Prozent des dortigen Eisverlusts verhindert.
Was es kosten würde, das gross zu machen
Die naheliegende Frage lautet: Wenn es zu 60 Prozent wirkt, warum deckt man dann nicht einfach mehr ab?
Weil es an der Rechnung scheitert. Dieselbe Studie beziffert die Kosten auf 0.60 bis 7.90 Franken pro Jahr und Kubikmeter gerettetem Eis, je nach Material und Lage. Hochgerechnet auf alle Schweizer Gletscher ergäbe das über eine Milliarde Franken pro Jahr, und selbst das würde den Rückgang nur verlangsamen, nicht aufhalten.
Zur Einordnung: Eine Milliarde pro Jahr ist ungefähr die Grössenordnung des gesamten Jahresumsatzes aller Schweizer Seilbahnen, der 2025 bei 1,8 Milliarden Franken lag. Man müsste also gut die Hälfte dessen, was die ganze Branche einnimmt, jedes Jahr auf das Eis legen.
Wofür es sich trotzdem lohnt
Die Vliese werden nicht ausgelegt, um das Klima zu retten. Sie werden ausgelegt, um konkrete Dinge am Berg über den Sommer zu bringen:
- Pistenabschnitte und Liftstützen. Wo eine Stütze im Eis steht, kostet jeder Meter Schmelze Geld und Sicherheit.
- Der Zugang zu Bahnen und Anlagen, der sonst jedes Jahr neu angepasst werden muss.
- Die Eisgrotte am Rhonegletscher, die es ohne Abdeckung längst nicht mehr gäbe.
- Sommerskibetrieb, dort wo es ihn noch gibt. Wie wenig davon übrig ist, zeigt unsere Gletscherseite.
Das sind betriebliche Gründe, und sie sind legitim. Sie werden nur oft in einen Klimaschutzmantel gekleidet, in den sie nicht passen.
Das Problem, das lange übersehen wurde
Polypropylen ist Kunststoff. Ein Vlies, das vier Monate lang Wind, Regen, UV-Strahlung und Steinschlag ausgesetzt ist, verliert Fasern.
Die Ökologin Birgit Sattler von der Universität Innsbruck hat das untersucht und war vom Ausmass überrascht: Auf einem Quadratmeter Gletschereis fanden sich Plastikfasern mit einer zusammengerechneten Länge von drei Kilometern. Das Material bleibt nicht liegen, wo es abgeht. Wind und Schmelzwasser tragen es weiter, talwärts, ins Wasser.
Damit steht die Methode vor einem unangenehmen Befund: Ein Werkzeug, das den Berg schützen soll, trägt Mikroplastik ins Hochgebirge ein, also genau dorthin, wo bisher am wenigsten davon war.
Woran gearbeitet wird
Die Antwort darauf ist kein Verzicht, sondern anderes Material. Zwei Wege werden verfolgt:
- PLA-Vlies, ein Biokunststoff aus Maisstärke und Milchsäure, biologisch abbaubar. Im Frühling 2025 wurden über 20’000 m² davon hergestellt und an fünf Schweizer Bergbahnen ausgeliefert, darunter Corvatsch, die Weisse Arena in Laax und die Diavolezza. Corvatsch mass unter PLA eine 15 bis 20 Zentimeter dickere Schneeschicht als unter dem bisherigen Polypropylen. Der Nachteil: PLA ist schwerer, das Vernähen und Einholen wird mühsamer.
- Zellulosevlies aus Holzfasern, an dem in Österreich geforscht wird.
Beides ist noch nicht der Normalfall, aber die Richtung stimmt: Das Problem wird nicht bestritten, sondern am Material gelöst.
Was bleibt
Drei Sätze, die zusammen die ganze Geschichte ergeben.
Vlies wirkt. 60 Prozent weniger Schmelze sind ein grosser Effekt, und auf der Diavolezza kann man ihn abschreiten.
Vlies skaliert nicht. 0,02 Prozent der Fläche, über eine Milliarde Franken pro Jahr für den Rest. Wer die Methode als Antwort auf die Gletscherschmelze verkauft, rechnet nicht.
Vlies hat einen Preis, der nicht auf der Rechnung steht. Drei Kilometer Faser pro Quadratmeter sind kein Rundungsfehler, und das Ersatzmaterial ist erst unterwegs.
Was das für die einzelnen Gebiete bedeutet und welche Gletscherskigebiete es überhaupt noch gibt, steht auf unserer Gletscherseite.
Stand: 10. August 2026.
Quellen: WSL: Abdecken von Gletscher-Eis wirksam, aber teuer (60 Prozent Wirkung, 0,18 km², 350’000 m³, 0.60 bis 7.90 Franken pro Kubikmeter, über eine Milliarde jährlich; Studie unter Leitung von Matthias Huss, WSL / ETH Zürich / Universität Freiburg, Cold Regions Science and Technology); GlaciersAlive (Diavolezza, PLA-Vlies 2025, Messwerte Corvatsch); higgs und swissinfo (Bandbreite 50 bis 70 Prozent, Anteil am Gesamtverlust, Rhonegletscher); Untersuchung von Birgit Sattler, Universität Innsbruck, zum Faserabrieb, referiert in der Tiroler Tageszeitung und bei ORF Tirol; Branchenumsatz 2025 nach Seilbahnen Schweiz.