Im April schiebt ein Pistenbully in Davos den Schnee der vergangenen Saison zu einem Haufen zusammen, schüttet 30 bis 40 Zentimeter Sägemehl darüber und lässt ihn liegen. Es folgen ein Frühling, ein ganzer Sommer und ein halber Herbst. Ende Oktober wird das Sägemehl abgezogen, und darunter liegen rund 80 Prozent des Schnees noch da.

Das ist kein Trick und kein Marketing. Es ist Physik, und sie ist erstaunlich schlicht.

Was Snowfarming ist

Snowfarming heisst: Schnee aufbewahren, statt ihn im Herbst neu herzustellen. Der Ablauf ist immer derselbe.

  1. Zusammenschieben. Im Frühling, wenn die Saison endet, wird der vorhandene Schnee an einer schattigen, flachen Stelle zu einem kompakten Depot geschoben. Je dichter der Haufen, desto kleiner die Oberfläche im Verhältnis zum Volumen, und die Oberfläche ist alles, was schmilzt.
  2. Zudecken. Darüber kommt eine Isolationsschicht. Im Tal Sägemehl oder Holzschnitzel, im Hochgebirge weisses Vlies. Welche der beiden richtig ist, hängt an der Höhe, und zwar überraschend scharf. Dazu gleich mehr.
  3. Liegenlassen. Über den Sommer schmilzt der Rand ab, der Kern bleibt.
  4. Ausbringen. Im Herbst wird das Sägemehl abgezogen und der Schnee verteilt, meist auf eine Loipe oder einen kurzen Pistenstreifen.

Warum Sägemehl und nicht einfach eine weisse Plane

Der naheliegende Gedanke ist: weiss reflektiert, also nimm etwas Weisses. Für einen Gletscher auf 3000 Metern stimmt das auch. Für einen Schneehaufen auf 1600 Metern ist es falsch, und der erste Versuch in Davos hat das teuer gezeigt.

2008, Flüelatal, zwei Haufen nebeneinander. Der eine unter Vlies, der andere unter Sägemehl. Am Ende des Sommers war der Vlieshaufen praktisch weg. Unter dem Sägemehl fehlten rund 30 Prozent.

Der Grund liegt darin, was in welcher Höhe überhaupt schmilzt. Weit oben ist die Sonneneinstrahlung der Hauptfeind, und dagegen hilft eine helle, reflektierende Decke. Weiter unten ist es die warme Luft, und gegen warme Luft hilft Reflexion nichts. Da braucht es eine dicke, dämmende Schicht, die Wärmestrahlung schluckt und ableitet. Dazu kommt ein zweiter Effekt: Nasses Sägemehl verdunstet, und Verdunstung kostet Energie. Diese Energie wird der Umgebung entzogen. Die Schicht kühlt sich selbst.

Die Grenze liegt bei etwa 2200 Metern. Darüber ist Vlies überlegen, darunter Sägemehl. Das ist keine Faustregel aus der Praxis, sondern ein Ergebnis der Begleitforschung zum Davoser Depot.

In der Praxis wird das nicht überall so gehandhabt, und das Titelbild dieses Beitrags zeigt es: Livigno liegt auf gut 1800 Metern und deckt sein Depot trotzdem mit einer weissen Plane ab, nicht mit Sägemehl. Der Grund ist nicht Physik, sondern Handhabung. Sägemehl muss in grossen Mengen herangeschafft, im Herbst wieder abgezogen und entsorgt werden. Eine Plane wird eingerollt. Wer den Aufwand scheut, nimmt die schlechtere Dämmung in Kauf und lagert dafür ein grösseres Depot ein.

Was übrig bleibt

Sägemehl, heute Davos, 30 bis 40 cm Schicht
80 %
Sägemehl, Versuch 2008 Flüelatal, erster Anlauf
70 %
Vlies auf 1600 m Versuch 2008, danach verworfen
fast alles weg
Anteil des Schnees, der den Sommer übersteht. Für den Vliesversuch von 2008 ist kein Prozentwert überliefert, nur die Feststellung, dass praktisch nichts übrig blieb; der Balken ist dort eine Veranschaulichung, kein Messwert. Der Unterschied zwischen den beiden Abdeckungen ist keine Nuance, sondern der Unterschied zwischen funktioniert und funktioniert nicht. SRF Meteo zum Davoser Depot und der Begleitforschung im Flüelatal.

Wie viel Piste kommt dabei heraus

Hier wird es interessant, denn die Kubikmeterzahlen klingen nach mehr, als sie sind. Rechnen wir es durch.

Davos lagert 20’000 m³ ein. Nach 20 Prozent Schwund bleiben rund 16’000 m³. Eine Loipe ist etwa sechs Meter breit, und eine tragfähige Schicht misst rund einen halben Meter. Das ergibt:

16’000 m³ geteilt durch (6 m × 0,5 m) = gut 5 Kilometer Loipe.

Für eine Piste sieht die Rechnung anders aus, weil eine Piste viel breiter ist. Ein Pistenkilometer entspricht rund 3,2 Hektaren, eine Grundschicht von 30 Zentimetern braucht 3000 m³ Schnee pro Hektare. Macht 9600 m³ pro Kilometer. Aus 16’000 m³ wird also knapp 1,7 Kilometer Piste, und damit ist das Depot leer.

Die Gegenprobe liefert Kitzbühel, und sie geht sauber auf. Dort werden rund 24’000 m³ eingelagert, der Schwund liegt unter 20 Prozent, und daraus entsteht zu Saisonbeginn ein Streifen von 700 Metern Länge und 60 Metern Breite. Nachgerechnet: 19’200 m³ auf 42’000 m² sind 46 Zentimeter Schichtdicke. Genau die Grössenordnung einer Grundschicht. Die Angabe ist plausibel.

Damit ist auch klar, was Snowfarming ist und was nicht. Es ist der erste Kilometer, nicht das Skigebiet. Es rettet den Saisonstart, den Trainingsbetrieb und ein Rennen im November. Es rettet keinen Winter.

Wer es macht

OrtMenge pro JahrWofür
Davosrund 20’000 m³Langlaufloipe, Saisonstart Ende Oktober, seit 2008
Kitzbühelrund 24’000 m³Pistenstreifen 700 × 60 m zum Saisonstart
Seefeld in Tirolrund 6’000 m³Loipe, seit 2015
Ramsau am Dachsteinkeine AngabeLoipe im nordischen Zentrum
Livignokeine AngabeLoipe und Trainingsstrecke
Oberhof (D)keine AngabeBiathlonstrecke

In der Schweiz ist Davos der bekannteste Fall, aber nicht der einzige: Depots gibt es unter anderem auch im Engadin sowie im Berner Oberland, etwa auf der Tschentenalp bei Adelboden. Der Grundgedanke ist überall gleich, nur die Grösse unterscheidet sich.

Der Teil, über den selten geredet wird: die Energie

Snowfarming wird meist als Schneegarantie verkauft. Der stärkere Punkt ist ein anderer.

Schnee lässt sich nur bei Kälte herstellen, und je knapper die Kälte, desto teurer wird jeder Kubikmeter. Eine Anlage, die im November bei minus zwei Grad und hoher Luftfeuchte gegen die Grenze arbeitet, verbraucht ein Vielfaches dessen, was dieselbe Anlage im Januar bei minus zehn Grad und trockener Luft braucht. Die Angabe aus der Praxis: Unter guten Bedingungen kostet ein Kubikmeter Schnee rund ein Drittel der Energie der Herbstproduktion an der Grenze.

Das dreht die Logik um, und man kann es ausrechnen. Wer im Oktober einen Kubikmeter Schnee an der Grenze produziert, zahlt dafür drei Einheiten Energie. Wer denselben Kubikmeter im Hochwinter herstellt und einlagert, muss wegen des Schwunds 1,25 Kubikmeter produzieren, zahlt dafür aber nur eine Einheit pro Kubikmeter, also 1,25 statt 3. Selbst mit einem Fünftel Verlust bleibt der eingelagerte Schnee der günstigere, und zwar deutlich.

Wie viel Strom und Wasser die Beschneiung insgesamt braucht, haben wir in einem eigenen Beitrag durchgerechnet.

Und ein Detail aus dem Kleingedruckten

Das Bündner Regelwerk für Beschneiungsanlagen verlangt, dass der Boden beim Beschneien nach Möglichkeit gefroren sein soll, damit er nicht erodiert. Dann folgt eine Ausnahme, und die gilt ausgerechnet dem Thema dieses Beitrags: «ausser bei Beschneiungen für Schneedepotbildungen».

Wer also im Frühling oder Herbst Schnee für ein Depot herstellt, ist von der Bodenregel ausgenommen. Der Grund ist einleuchtend: Ein Depot liegt an einer einzigen Stelle, dort wird nichts befahren, und der Schnee kommt erst später auf die eigentliche Fläche. Welche Regeln beim Beschneien sonst gelten, in der Schweiz und in Österreich, steht in unserem Beitrag zu den Beschneiungsvorschriften.

Was Snowfarming nicht löst

Drei Einschränkungen, die in Hochglanzberichten meist fehlen.

  • Es braucht eine passende Stelle. Flach, schattig, mit Zufahrt für schweres Gerät. Nicht jedes Gebiet hat sie.
  • Das Sägemehl muss wieder weg. Es wird im Herbst abgezogen und entsorgt oder wiederverwendet, und beides kostet Arbeit und Geld.
  • Der Massstab bleibt klein. Ein Depot deckt Grössenordnungen von ein bis zwei Pistenkilometern. Ein mittleres Schweizer Skigebiet hat 30 bis 50.

Snowfarming ist deshalb kein Gegenmittel gegen wärmere Winter. Es ist ein sehr gutes Werkzeug für ein sehr genau umrissenes Problem: die ersten Wochen, in denen Training, Rennen und Saisonstart auf Schnee angewiesen sind, den das Wetter noch nicht liefert.


Stand: 10. August 2026. Die Umrechnungen von Kubikmetern auf Loipen- und Pistenlänge sind eigene Rechnungen aus den genannten Ausgangswerten und als Grössenordnung zu lesen.

Quellen: SRF Meteo zum Snowfarming in Davos (Versuch Flüelatal 2008, Sägemehlschicht, 2200-Meter-Grenze, Energievergleich); Davos Klosters (Depotmenge und Saisonstart); Skigebiete-Test zum Snowfarming in Kitzbühel (24’000 m³, Schwund, Pistenmasse); Olympiaregion Seefeld (6000 m³ seit 2015); Amt für Raumentwicklung Graubünden, Wegleitung Beschneiungsanlagen 2007 (Ausnahme für Schneedepots). Schneemengen pro Hektare aus unserer eigenen Rechnung zum Kunstschnee.