Es gibt in der Geschichte der Alpengletscher ein Vorher und ein Nachher – und dazwischen liegt der Sommer 2022. In einem einzigen Jahr verloren die Schweizer Gletscher rund 6 Prozent ihres gesamten Eisvolumens. Zur Einordnung: Ein «normales» schlechtes Jahr kostete davor etwa 1 bis 2 Prozent. 2022 war kein Ausreisser nach oben – es war eine neue Kategorie.

Die Anatomie des Extremjahrs

1. Ein Winter fast ohne Schnee. Der Winter 2021/22 brachte den Alpen aussergewöhnlich wenig Schnee. Die schützende Winterdecke, die die Gletscher normalerweise bis weit in den Sommer isoliert, war dünn – die Schmelzsaison startete mit leerem Puffer.

2. Saharastaub im Frühjahr. Mehrere Staubereignisse färbten den Schnee im März 2022 orange. Dunkler Schnee absorbiert mehr Sonnenlicht – die Schneedecke schmolz dadurch zusätzlich Wochen früher weg.

3. Hitzewelle auf Hitzewelle. Der Sommer 2022 reihte Hitzeperioden aneinander. Am 25. Juli 2022 stieg die Nullgradgrenze über der Schweiz auf 5184 Meter – den höchsten je gemessenen Wert. Selbst auf den Gipfeln der Viertausender fiel Regen statt Schnee.

Was auf den Gletschern passierte

  • Zermatt, das sich als 365-Tage-Skigebiet versteht, musste den Sommerskibetrieb für rund 50 Tage unterbrechen – ein historischer Einschnitt.
  • Das Stilfserjoch stand zwei Monate mitten im Hochsommer still – auf einem Gletscher, der seit Jahrzehnten den Juli-Betrieb trug.
  • Auf zahlreichen Gletschern kam im Spätsommer blankes, graues Eis zum Vorschein, durchzogen von neuen Spaltenzonen. Messteams von GLAMOS fanden an einzelnen Pegeln Verluste von mehreren Metern Eisdicke – in einem Jahr.

Und dann kam 2023

Wer auf ein Ausgleichsjahr hoffte, wurde enttäuscht: 2023 kostete nochmals rund 4 Prozent des Volumens. In nur zwei Jahren verloren die Schweizer Gletscher damit etwa ein Zehntel ihres gesamten Eises. Die Konsequenzen im Skibetrieb folgten prompt: Das Kitzsteinhorn beendete den Sommerski endgültig, am Dachstein wurden die Gletscherlifte abgebaut.

Warum 2022 bis heute nachwirkt

2022 hat die Branche eine Illusion gekostet: dass Höhe allein schützt. Seither gilt die neue Rechnung – entscheidend ist nicht, wie hoch ein Gletscher liegt, sondern ob im Hochsommer eine tragfähige Schneeauflage überlebt. Der Hitzesommer 2026, dessen Gletscherschwundtag mit dem 29. Juni fast auf den Rekord von 2022 fiel, zeigt: Das Extremjahr war kein Unfall. Es war eine Vorschau.

Die aktuelle Gletscher-Lage 2026 →


Quellen: GLAMOS / ETH Zürich (Massenbilanzen 2022/2023), MeteoSchweiz (Nullgradgrenzen-Rekord 25.7.2022), Zermatt Bergbahnen, S.I.F.A.S. – zusammengetragen im Report «Das Ende des ewigen Schnees» (Juni 2026).