Es gibt ein Datum, das Glaziologinnen und Glaziologen jedes Jahr mit Anspannung erwarten: den Gletscherschwundtag – den Tag, an dem die Schneereserven des Winters auf den Gletschern aufgebraucht sind. Ab dann frisst jede warme Stunde direkt am Eis. 2026 fiel dieser Tag auf den 29. Juni. Früher war er nur im Katastrophenjahr 2022 (26. Juni).

Warum es dieses Jahr so früh so ernst wurde

Drei Faktoren kamen zusammen, wie GLAMOS-Leiter Matthias Huss erklärt:

  1. Ein schneearmer Winter 2025/26 – die schützende Schneedecke war von Anfang an dünn.
  2. Ein aussergewöhnlich heisser Mai – die Schmelze startete Wochen zu früh.
  3. Die aktuelle Hitzewelle – im ganzen Alpenraum werden enorme Abschmelzraten gemessen.

Wie ernst die Lage ist, zeigte sich Ende Juni auf der Dufourspitze: Auf 4634 Metern – dem höchsten Punkt der Schweiz – stieg die Temperatur auf bis zu +2,9 °C. Erst zum dritten Mal seit Messbeginn 1954 wurde dort die Nullgradgrenze überschritten. Wenn selbst auf 4600 Metern Plusgrade herrschen, fällt auf keinem Schweizer Gletscher mehr Schnee, sondern Regen.

Was GLAMOS eigentlich misst

Das Schweizer Gletschermessnetz GLAMOS (Glacier Monitoring Switzerland, getragen von ETH Zürich, WSL und Universitäten) beobachtet die Gletscher auf zwei Wegen:

  • Direkt am Eis: Messpegel, die in den Gletscher gebohrt werden. An ihnen lässt sich zentimetergenau ablesen, wie viel Eis an einer Stelle verschwindet.
  • Im Modell: Für die rund 400 grössten Schweizer Gletscher berechnet ein Modell täglich die Bilanz aus Schneeauflage und Schmelze – daraus entsteht das Live-Bild der Saison, lange bevor im Herbst die offizielle Jahresbilanz steht.

Zur Einordnung der langfristigen Entwicklung: Seit den 1970er-Jahren sind die Durchschnittstemperaturen in den Schweizer Alpen um rund 3 °C gestiegen. Die Schweizer Gletscherfläche hat sich seit 1973 etwa halbiert, allein die Jahre 2022 und 2023 kosteten rund ein Zehntel des verbliebenen Eisvolumens.

Was das für den Ski-Herbst 2026 bedeutet

Für die Gletscherskigebiete ist ein früher Gletscherschwundtag ein Alarmsignal: Ohne schützende Schneeauflage apert das Eis aus, Spalten öffnen sich, und die Pistenpräparation wird aufwendig bis unmöglich. Konkret heisst das:

  • Zermatt hat mit dem höchstgelegenen Skigelände Europas die besten Karten, fährt aber auch dort auf Sicht.
  • Saas-Fee startete Mitte Juli planmässig in die Gletschersaison – das Plateau auf 3500 m profitiert von seiner Höhe.
  • Das Stilfserjoch hat 2022 gezeigt, wie schnell es gehen kann: Damals stand der Betrieb mitten im Hochsommer zwei Monate still.

Ob 2026 ein zweites 2022 wird, entscheiden die nächsten Wochen. Wir aktualisieren diese Einschätzung, sobald GLAMOS neue Zahlen publiziert.


Quellen: GLAMOS / ETH Zürich (Gletscherschwundtag, Modellierung), MeteoSchweiz (Nullgradgrenze), Berichterstattung watson/20min/Spektrum zur Hitzewelle 2026. Detailzahlen zur langfristigen Schmelze: Gletscher-Rubrik.