Seit das Stilfserjoch am 15. August den Betrieb eingestellt hat und in den Alpen kein Gebiet mehr Sommerski anbietet, wird eine Frage besonders oft gestellt: War 2022 nicht viel schlimmer?
Die Antwort ist ein klares Nein, und trotzdem ist sie nicht die ganze Geschichte.
Die kurze Antwort
Matthias Huss, Leiter des Schweizer Gletschermessnetzes GLAMOS, hat sich am 11. August 2026 dazu geäussert:
Es ist unwahrscheinlich, dass wir aufholen, aber 2026 ist aktuell klar auf dem 2. Platz.
2022 bleibt das Rekordjahr. Der Endstand für 2026 steht erst Ende September fest, wenn die Feldmessungen abgeschlossen sind. Bis dahin gilt: zweitschlimmster Sommer seit Messbeginn, nicht der schlimmste.
Die Zahlen nebeneinander
| 2022 | 2026 | |
|---|---|---|
| Eisverlust | rund 6 % des Schweizer Volumens | klar Platz 2, Endstand Ende September |
| Gletscherschwundtag | 26. Juni, frühester je gemessen | 29. Juni, zweitfrühester |
| Nullgradgrenze | 5184 m am 25. Juli, Rekord seit 1954 | zeitweise knapp unter 5000 m |
| Schnee im Mai davor | dünne Decke nach schneearmem Winter | 25 % unter dem Mittel 2010 bis 2020 |
| Sommerski in den Alpen | Hintertux lief durch | kein Gebiet offen |
Zur Einordnung des Sechsprozentwerts: Ein «normales» schlechtes Jahr kostete davor 1 bis 2 Prozent.
Wo 2026 doch schlechter dasteht
Ein zweiter Platz klingt nach Entwarnung. In einem Punkt ist er das Gegenteil.
Der Ausgangspunkt war schlechter. Anfang Mai 2026 lag landesweit ein Viertel weniger Schnee auf den Gletschern als sonst am Winterende. Die Schneedecke ist keine Nebensache, sie ist der Sonnenschutz: Weisser Schnee wirft Strahlung zurück, blankes Eis schluckt sie. Wer im Mai ein Viertel weniger davon hat, verliert den Schutz Wochen früher.
Huss nennt die Kombination aus schneearmem Winter und mehreren Hitzewellen den «worst case» für Gletscher. Dass daraus trotzdem nur Platz zwei wurde, liegt daran, wie extrem 2022 war, nicht daran, dass 2026 mild gewesen wäre.
Einzelne Gletscher sind ganz verschwunden. Der Bella-Tola-Gletscher und der Urirotstock-Gletscher existieren nicht mehr. Beim Rhonegletscher flossen seit Mitte Juni rund 19 Milliarden Liter Wasser aus den langfristigen Reserven ab, an tieferen Lagen bis zu 10 Zentimeter Eisdicke pro Tag.
Die Prozentfalle
Hier liegt der Punkt, den Prozentzahlen verstecken.
Sechs Prozent von 2022 und, sagen wir, fünf Prozent von 2026 sind nicht vergleichbar, weil sich der Sockel verändert hat. 2022 und 2023 zusammen kosteten rund ein Zehntel des verbliebenen Eises. Was 2026 abschmilzt, schmilzt von einem deutlich kleineren Rest.
Anders gesagt: Ein zweiter Platz auf einem geschrumpften Sockel ist nicht halb so schlimm wie der erste. Er ist anders schlimm. Die Prozentzahl sinkt, der absolute Verlust auch, und der Gletscher ist trotzdem näher am Ende.
Beim Skifahren ist 2026 eindeutig schlimmer
Und jetzt kehrt sich das Verhältnis um.
2022 war der schlimmere Gletschersommer, und die Ausfälle im Skibetrieb waren massiv: Zermatt unterbrach den Sommerskibetrieb rund 50 Tage, das Stilfserjoch stand zwei Monate mitten im Hochsommer still, Les 2 Alpes schloss am 10. Juli, Val d’Isère öffnete den Gletscher gar nicht, Tignes brach am 25. Juli ab.
Trotzdem konnte man im August 2022 Ski fahren, nämlich am Hintertuxer Gletscher, der in diesem Jahr sein letztes volles Ganzjahr fuhr, 365 Tage ohne eine einzige Pause.
2026 ist der zweitschlimmste Sommer, und es geht gar nichts mehr.
Warum das kein Widerspruch ist
Weil die zwei Zahlen zwei verschiedene Dinge messen.
Der Eisverlust misst das Klima. Das Skiangebot misst eine betriebswirtschaftliche Entscheidung, die auf das Klima reagiert, aber nicht nur darauf. Beim Ende des Hintertuxer Ganzjahresbetriebs nennen die Zillertaler Gletscherbahnen als Hauptgrund ausdrücklich die Nachfrage im Hochsommer, nicht den Schnee.
Das ist wichtig, wenn man die Schlagzeile richtig lesen will. Dass in diesem August in den Alpen niemand Ski fährt, ist eine echte Premiere. Aber sie beschreibt das Angebot, nicht den Zustand der Gletscher. Beides fällt in diesem Sommer zusammen, ist aber nicht dasselbe.
Der ehrliche Satz lautet deshalb: 2026 ist beim Eis das zweitschlimmste Jahr und beim Skibetrieb das schlimmste überhaupt. Wer nur eines von beiden zitiert, verkürzt.
Was Ende September feststeht
Die Massenbilanz eines Gletscherjahres wird nicht im August entschieden, sondern nach den Feldmessungen im September. Drei Dinge klären sich dann:
- Der endgültige Verlust 2026 und damit, ob der zweite Platz hält.
- Der genaue Gletscherschwundtag. Der 29. Juni ist eine Modellrechnung, die sich nach den Messungen noch um einige Tage verschieben kann.
- Ob der Herbst etwas rettet. Früher Neuschnee im September legt eine Schutzschicht auf und beendet die Schmelzsaison; bleibt er aus, zieht sie sich in den Oktober.
Wir führen diesen Beitrag nach, sobald die Zahlen da sind.
Quellen
- Matthias Huss, Leiter GLAMOS, ETH Zürich, zitiert am 11. August 2026: 2022 bleibt Rekordjahr, 2026 aktuell klar auf Platz zwei, endgültige Beurteilung Ende September. Ebenso die Angaben zum Rhonegletscher, zu Bella-Tola und Urirotstock sowie die Einordnung als «worst case».
- GLAMOS / ETH Zürich, Massenbilanzen: rund 6 Prozent Volumenverlust 2022, rund 4 Prozent 2023, zusammen etwa ein Zehntel des verbliebenen Eises.
- Gletscherschwundtag 2026: 29. Juni, nach Modellrechnung von GLAMOS; Anfang Mai lag landesweit ein Viertel weniger Schnee auf den Gletschern als üblich am Winterende.
- MeteoSchweiz: Nullgradgrenze 5184 Meter am 25. Juli 2022, höchster gemessener Wert.
- Zu den Betriebsunterbrüchen 2022 siehe unseren Beitrag Warum 2022 der Kollaps-Sommer war, zum Ende des Ganzjahresbetriebs Hintertux gibt den Ganzjahresbetrieb auf.
Stand 14. August 2026. Alle Angaben zu 2026 sind vorläufig, weil das Gletscherjahr noch läuft.