Am 15. August 2026 hat die S.I.F.A.S. den Skibetrieb auf dem Gentili-Gletscher am Stilfserjoch eingestellt. Das war für sich genommen eine Randnotiz. In der Summe war es etwas anderes: Seit diesem Tag fährt in den gesamten Alpen niemand mehr Ski im Sommer.

Das hat es, soweit sich das belegen lässt, noch nie gegeben.

Die drei Wochen

DatumGebietLandBegründung der Bahn
26. JuliHintertuxer GletscherATNachfrage im Hochsommer, ausdrücklich nicht der Schnee
31. JuliZermatt / TheodulCHHohe Temperaturen, fehlende Nachtabkühlung, Gewitter
9. AugustSaas-Fee / FeeCHPisten und Gletscherinfrastruktur erfüllen die Standards nicht mehr
15. AugustStilfserjoch / GentiliITHitze bis in grosse Höhen, ausbleibendes Rückgefrieren

Der erste Eintrag ist der interessanteste, und er wird in den meisten Berichten übergangen. Hintertux hat nicht wegen des Schnees aufgehört. Die Zillertaler Gletscherbahnen nannten als Hauptgrund die Nachfrage im Hochsommer. Der Gletscher hätte getragen, die Gäste blieben aus.

Damit hat Österreich sein einziges Ganzjahresskigebiet verloren, und zwar aus einem betriebswirtschaftlichen Grund. Die drei anderen hörten wegen der Wärme auf. Das ist nicht dasselbe, und wer beides in denselben Topf wirft, erzählt eine einfachere Geschichte, als die Sache hergibt.

Das Jahrzehnt, das alle anderen überholt hat

5
7
2
9
1990er 10 Jahre
2000er 10 Jahre
2010er 10 Jahre
2020er erst 6,6 Jahre
Zahlen als Tabelle anzeigen
Eintrag Wert
1990er (10 Jahre) 5
2000er (10 Jahre) 7
2010er (10 Jahre) 2
2020er (erst 6,6 Jahre) 9
Eingestellte Sommerskibetriebe je Jahrzehnt in unserer Chronik. Die 2020er stehen bereits über jedem vollen Jahrzehnt davor, obwohl erst zwei Drittel davon vergangen sind. Die hervorgehobene Säule ist das laufende, noch unvollständige Jahrzehnt. Eigene Chronik, src/data/sommerski-chronik.json, Stand 21. August 2026. Ein weiterer Eintrag (Cortina / Monte Cristallo, 1980er) liegt ohne genaues Jahr vor und fehlt in dieser Auswertung.

Auf das Jahr gerechnet wird der Unterschied noch deutlicher: In den 2000ern gab im Schnitt 0,7 Gebiete pro Jahr auf, in den 2010ern 0,2, in den 2020ern sind es 1,4. Das laufende Jahrzehnt liegt damit siebenmal über dem vorherigen.

Und die 2010er sind kein Gegenbeweis, sondern eine Atempause: Nach der Welle der 2000er war schlicht wenig übrig, was noch aufgeben konnte.

Wer aufgegeben hat, nach Ländern

Schweiz von Laax 1992 bis Saas-Fee 2026
8 Gebiete
Österreich von Pitztal 1993 bis Hintertux 2026
8 Gebiete
Italien von Cortina bis Stilfserjoch 2026
6 Gebiete
Frankreich beide 2022
2 Gebiete
Eingestellte Sommerskibetriebe je Land seit den 1980er Jahren, 24 Einträge insgesamt. Frankreich fällt nicht auf, weil es dort wenig gab: La Grave und Alpe d'Huez hörten beide im selben Jahr auf. Eigene Chronik, Stand 21. August 2026.

Die vollständige Liste, Jahr für Jahr:

Alle 24 eingestellten Sommerskigebiete anzeigen
JahrGebietLand
198xCortina / Monte CristalloIT
1992Laax (Vorab)CH
1993Pitztaler GletscherAT
1993St. Moritz / CorvatschCH
1998St. Moritz / DiavolezzaCH
1999Verbier / Mont FortCH
2000Kaunertaler GletscherAT
2003Stubaier GletscherAT
2004Glacier 3000 / GstaadCH
2006Engelberg / TitlisCH
2006Sölden / ÖtztalAT
2007MarmolataIT
2008Presena / TonalepassIT
2012Hochjochferner / SchnalstalIT
2013Cortina / TofanaIT
2022Mölltaler GletscherAT
2022La Grave / GiroseFR
2022Alpe d’Huez / SarenneFR
2023Kitzsteinhorn / KaprunAT
2023DachsteinAT
2026Zermatt / TheodulCH
2026Hintertuxer GletscherAT
2026Saas-FeeCH
2026Stilfserjoch / GentiliIT

Der Grund ist nicht das Eis

Die naheliegende Erklärung lautet: Die Gletscher schmelzen, also ist der Schnee weg. Das stimmt, greift aber zu kurz, und die Bahnen selbst sagen etwas Genaueres.

Zermatt und das Stilfserjoch nennen beide dieselbe Ursache, und es ist nicht die Tageshitze: das ausbleibende Rückgefrieren in der Nacht. Eine Sommerpiste besteht aus Firn. Firn trägt, wenn er tagsüber weich wird und nachts wieder durchfriert. Bleibt die Nacht zu warm, wird die Piste am zweiten Tag nicht mehr fest, am dritten ist sie nicht mehr präparierbar. Eis ist dann noch reichlich da. Fahren kann man trotzdem nicht.

Genau deshalb ist die Nullgradgrenze in der Nacht die entscheidende Zahl und nicht die Schneehöhe. Wir haben das für den aktuellen Kälteeinbruch durchgerechnet: Auf dem Theodulgletscher stehen jetzt neun Frostnächte in fünfzehn Tagen an, also genau die Bedingung, die im Juli gefehlt hat.

Was das heisst, und was nicht

Es heisst nicht, dass der Wintersport endet. Alle vier Gebiete fahren im Winter weiter, Saas-Fee hat das ausdrücklich festgehalten. Der Sommerbetrieb war immer die Ausnahme, nicht die Regel, und wirtschaftlich in den meisten Fällen ein Zuschussgeschäft.

Es heisst auch nicht, dass es nie wieder Sommerski gibt. Zermatt hat den Betrieb ausgesetzt, nicht beendet, und beurteilt die Lage nach eigenen Angaben täglich neu.

Was es heisst: Die Zahl der Gebiete, die es überhaupt noch versuchen, ist von über zwanzig in den 1980er Jahren auf drei gefallen, und in diesem Sommer haben auch die drei zugemacht. Der Puffer ist weg. Wenn nächstes Jahr eines aufgibt, gibt es keine Reserve mehr, aus der sich das ausgleichen liesse.


Weiterlesen: Die Chronik der verschwundenen Sommerskigebiete · Hintertux gibt den Ganzjahresbetrieb auf · Zermatt stoppt den Sommerski · Der Kälteeinbruch in Zahlen

Quellen und Methode

  • Chronik: eigener Datensatz (src/data/sommerski-chronik.json), Stand 21. August 2026, 24 Einträge. Grundlage ist unser Report «Das Ende des ewigen Schnees» vom 22. Juni 2026.
  • Vollständigkeit: Die Chronik erhebt für die Jahre vor 1992 keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Für die Zeit davor gibt es keine durchgehende Statistik, und ein Sommerbetrieb wurde damals selten mit einer Mitteilung eingestellt, sondern lief einfach aus. Die Zahlen ab den 1990er Jahren sind belastbar, die Aussage «über zwanzig in den 1980ern» ist eine Schätzung aus dem Report.
  • Das Jahrzehnt der 2020er ist am 21. August 2026 zu rund zwei Dritteln vergangen. Der Vergleich mit vollen Jahrzehnten ist deshalb konservativ: Er unterschätzt die 2020er, statt sie zu übertreiben.
  • Begründungen: Mitteilungen der Zillertaler Gletscherbahnen vom 26. Juli 2026, der Zermatt Bergbahnen vom 31. Juli 2026, der Saastal Bergbahnen vom 10. August 2026 und der S.I.F.A.S. vom 15. August 2026.