Am Freitag, den 4. September, fährt in den Alpen wieder jemand Ski. Die S.I.F.A.S. nimmt den Betrieb am Stilfserjoch wieder auf, von 06:30 bis 12:00 Uhr, und begründet das auf ihrer Website mit den gesunkenen Temperaturen.
Damit endet nach zwanzig Tagen die erste Phase in den Alpen ohne jeden Sommerskibetrieb.
Und damit liegen wir falsch.
Was wir vor vier Tagen geschrieben haben
Am 31. August haben wir durchgerechnet, was 2022 gereicht hat, damit Zermatt seinen Sommerskibetrieb wieder aufnehmen konnte, und die vier Gebiete danach sortiert. Über das Stilfserjoch stand dort:
Das Stilfserjoch liegt am tiefsten, bekommt am wenigsten Frost und hat die kürzeste Saison. 2022 machte es am selben Tag wieder auf wie Zermatt. Diesmal steht es in unserer Rechnung am schlechtesten da.
Es steht in unserer Rechnung immer noch am schlechtesten da. Es macht trotzdem als Erstes wieder auf. Wer eine Rangfolge aufstellt und vier Tage später vom letzten Platz überholt wird, sollte erklären, was schiefgelaufen ist.
Die Prognose war richtig, der Schluss daraus war falsch
Das Naheliegende wäre, dem Wettermodell die Schuld zu geben. Das geht nicht, denn es hat gestimmt. Was wir am 31. August für das Stilfserjoch vorhergesagt haben, und was heute für dieselben Tage im Modell steht:
| Tag | am 31.8. vorhergesagt | Stand 2.9. | Abweichung |
|---|---|---|---|
| 1. September | 1,3 bis 8,4 °C | 1,2 bis 8,2 °C | 0,2 |
| 2. September | 1,5 bis 9,0 °C | 1,6 bis 9,5 °C | 0,5 |
| 3. September | 1,3 bis 10,6 °C | 2,0 bis 10,0 °C | 0,7 |
| 4. September | 5,3 bis 14,9 °C | 5,0 bis 14,9 °C | 0,3 |
Die Prognose lag im Schnitt vier Zehntelgrad daneben. Falsch war nicht die Zahl, sondern was wir aus ihr geschlossen haben.
Wir hatten aus dem Fall Zermatt 2022 ein Kriterium abgeleitet: Vier Tage in Folge, an denen es auch tagsüber nicht über null geht. Das war die Bedingung, unter der Zermatt damals wieder aufmachte. Wir haben daraus eine allgemeine Regel gemacht, und das war der Fehler. Es war Zermatts Lösung, nicht die einzige.
Was am Freitag tatsächlich ansteht
Zahlen als Tabelle anzeigen
| Tag | Tiefstwert | Hoechstwert | Ganztags unter null |
|---|---|---|---|
| 28.8. | 4.1 °C | 7.7 °C | nein |
| 29.8. | 2.3 °C | 9.2 °C | nein |
| 30.8. | 2.8 °C | 10.8 °C | nein |
| 31.8. | 3.1 °C | 10.1 °C | nein |
| 1.9. | 1.2 °C | 8.2 °C | nein |
| 2.9. | 1.6 °C | 9.5 °C | nein |
| 3.9. | 2.0 °C | 10.0 °C | nein |
| 4.9. (wieder offen) | 5.0 °C | 14.9 °C | nein |
| 5.9. | 6.9 °C | 12.5 °C | nein |
| 6.9. | 6.7 °C | 14.9 °C | nein |
| 7.9. | 6.5 °C | 13.6 °C | nein |
| 8.9. | 5.3 °C | 11.5 °C | nein |
| 9.9. | 3.7 °C | 11.6 °C | nein |
Am 4. September steigt die Nullgradgrenze über dem Stilfserjoch auf 4360 Meter. Die Tiefsttemperatur auf Geländehöhe liegt bei plus 5 Grad, der Höchstwert bei 14,9 Grad. Neuschnee: keiner, in der ganzen Reihe nicht.
Das ist kein Messfehler durch eine zu tief angesetzte Geländehöhe. Auf 3450 Metern, also an der obersten Anlage, meldet das Modell für denselben Tag immer noch plus 3,4 bis plus 13,3 Grad. Am ganzen Berg friert an diesem Tag nichts.
Die Auflösung steht in der Öffnungszeit
06:30 bis 12:00. Fünfeinhalb Stunden, dann ist Schluss.
Das ist keine Randnotiz, das ist die Antwort. Eine Firnpiste braucht nicht zwingend einen Tag, der komplett unter null bleibt. Sie braucht einen Zustand am Morgen, der bis mittags hält. Wer um halb sieben aufmacht und um zwölf schliesst, nutzt genau das, was die Nacht übrig gelassen hat, und hört auf, bevor die Sonne es wieder auflöst.
Zermatt hat 2022 den anderen Weg gewählt: warten, bis der ganze Tag im Frost liegt, und dann normal fahren. Beides sind gültige Antworten auf dasselbe Problem, und wir haben die eine für das Gesetz gehalten.
Dass die Bahn dabei nicht übertreibt, zeigt der Blick zurück statt nach vorn. Die Temperaturen sind gesunken, nur eben vorher: Der Höchstwert fiel vom 30. August (10,8 Grad) auf den 1. September (8,2 Grad). Die Entscheidung schaut auf die vergangenen Tage, unsere Grafik auf die kommenden. Beides ist richtig, und für Freitagmittag heisst es trotzdem: warm.
Was das für den Rest heisst
Zermatt hat bis heute, dem 2. September, keine Wiederaufnahme angekündigt. Der Sektor Matterhorn Glacier Paradise ist weiterhin geschlossen. Die Bergbahnen hatten geschrieben, der Betrieb werde umgehend wieder aufgenommen, sobald die natürlichen Voraussetzungen es zulassen, und beurteilten die Lage täglich neu. Auf dem Theodulgletscher stehen ab dem 8. September tatsächlich Frostnächte an, bis zu minus 6,9 Grad. Was dort weiterhin fehlt, ist Schnee: 2,1 Zentimeter in sechzehn Tagen.
Saas-Fee hat den Sommerbetrieb nicht ausgesetzt, sondern beendet, mit der Begründung, Pisten und Gletscherinfrastruktur erfüllten die Standards nicht mehr. Nächster angekündigter Termin ist der Winterbetrieb ab dem 1. November.
Hintertux hatte aus wirtschaftlichen Gründen aufgehört, nicht wegen des Wetters. Für den Herbst spricht dort deshalb mehr als das Thermometer: Wenn die Trainingsgruppen zurückkommen, kommt der Grund zurück, der im Hochsommer fehlte.
Der Schnalstaler Gletscher hat den zweiten Termin, und der ist bestätigt: Ab dem 19. September öffnet in der Alpin Arena Schnals die Gletscherpiste mit dem zugehörigen Lift. Das hat uns Vinschgau Marketing am 1. September auf Anfrage schriftlich mitgeteilt.
Ein Nebensatz in dieser Auskunft erklärt den ganzen Monat: «Zahlreiche internationale Skiteams bereiten sich dann auf die bevorstehende Rennsaison in Schnals vor.» Der Herbstbetrieb auf den Gletschern lebt in erster Linie von Trainingsgruppen, nicht von Feriengästen. Das ist auch eine plausible Lesart für das Vormittagsfenster am Stilfserjoch: Wer um halb sieben in der Gondel steht, ist selten auf Skiferien.
Und es schliesst den Kreis zu Hintertux. Die Zillertaler Gletscherbahnen nannten im Juli ausdrücklich die fehlende Nachfrage als Grund, mit dem Hinweis, die Trainingsteams seien in der Sommerpause. Genau diese Teams kommen jetzt zurück.
Was wir daraus mitnehmen
Unsere Rechnung vom 31. August bleibt richtig in dem, was sie gemessen hat: Auf dem Stilfserjoch friert nichts, es fällt kein Schnee, und von einem Zustand wie 2022 in Zermatt ist das Gebiet weit entfernt. Falsch war der Schritt von der Messung zur Vorhersage einer unternehmerischen Entscheidung.
Ein Skigebiet öffnet nicht, wenn ein Grenzwert erreicht ist. Es öffnet, wenn jemand entscheidet, dass es sich lohnt, und dieser Jemand kennt seinen Firn besser als jedes Modell. Wir bleiben deshalb bei den Zahlen und schreiben dazu, was sie nicht können.
Wer am Freitag hinauffährt, sollte die Öffnungszeit ernst nehmen. Um halb sieben ist die Piste in dem Zustand, für den sie geöffnet wurde. Um zwölf ist sie es nicht mehr, und das ist der Grund, warum um zwölf Schluss ist.
Weiterlesen: Wann öffnen die Gletscher wieder? · Kein Sommerski mehr in den Alpen · Das Stilfserjoch stoppt als letztes · Gebietsseite Stilfserjoch
Quellen und Methode
- Wiedereröffnung: Mitteilung der S.I.F.A.S. S.p.A. auf passostelvio.eu, abgerufen am 2. September 2026: «Aufgrund der gesunkenen Temperaturen öffnen die Anlagen am Freitag, den 4. September, wieder von 06:30 bis 12:00 Uhr.» Die Seite lädt ihre Meldungen erst im Browser nach, ein maschinelles Abrufen liefert deshalb nichts; Grundlage ist die Ansicht der Seite selbst.
- Wetterdaten: Open-Meteo, das die Modelle von MeteoSchweiz und dem DWD zusammenführt. Zeitraum 28. August bis 9. September 2026, Höhe fest auf 3200 m vorgegeben, Gegenprobe auf 3450 m. Abgerufen am 2. September 2026. Werte bis einschliesslich 2. September sind eingetreten, danach Prognose.
- Vergleich mit unserer Prognose: Abruf vom 31. August 2026, dokumentiert im Beitrag vom selben Tag.
- Zermatt: Stand der Anlagenübersicht auf matterhornparadise.ch am 2. September 2026, keine Mitteilung zur Wiederaufnahme.
- Schnalstal: schriftliche Auskunft von Vinschgau Marketing vom
- September 2026 auf unsere Anfrage: «Ab dem 19.09.2026 wird dort die Gletscherpiste mit zugehörigem Lift geöffnet.»