Am 4. August haben wir hier eine Zahl aufgeschrieben, die dem ganzen Sommer den Stempel aufdrückte: Die Nullgradgrenze fällt in den kommenden 14 Tagen kein einziges Mal unter 3950 Meter. Zwei Wochen später ist genau das Gegenteil eingetreten, und es lohnt sich, die neue Lage nüchtern durchzurechnen, statt sie zu bejubeln.
Denn der Umschwung ist echt. Nur bringt er nicht das, was die meisten erwarten.
Die Nullgradgrenze, Tag für Tag
Zahlen als Tabelle anzeigen
| Eintrag | Wert |
|---|---|
| 20.8. | 3'780 m |
| 21.8. | 3'360 m |
| 22.8. | 3'200 m |
| 23.8. | 3'660 m |
| 24.8. | 3'860 m |
| 25.8. | 3'710 m |
| 26.8. | 4'020 m |
| 27.8. | 4'060 m |
| 28.8. | 3'710 m |
| 29.8. | 3'030 m |
| 30.8. | 2'790 m |
| 31.8. | 3'520 m |
| 1.9. | 2'920 m |
| 2.9. | 2'490 m |
| 3.9. | 2'470 m |
Im Mittel über die fünfzehn Tage liegt die Nullgradgrenze bei 3372 Metern. Am 4. August lag sie über denselben Zeitraum nie unter 3950. Das ist keine Nuance, das ist ein anderer Sommer.
Die Zahl, auf die es ankommt, ist die Nacht
Wer wissen will, ob ein Gletscherskigebiet wieder aufmachen kann, schaut nicht auf den Neuschnee. Er schaut auf die Nächte.
Der Grund steht in den Begründungen der drei Bahnen, die diesen Sommer aufgehört haben. Zermatt nannte am 31. Juli «anhaltend hohe Temperaturen, fehlende Nachtabkühlung, wiederholte Gewitter». Das Stilfserjoch nannte am 15. August «die fehlende nächtliche Abkühlung und das ausbleibende Rückgefrieren der Schneedecke». Beide Male steht dasselbe im Zentrum: Eine Piste auf Firn hält nur, wenn sie nachts wieder durchfriert. Bleibt das aus, wird sie tagsüber weich, in der Nacht nicht wieder fest, und irgendwann ist sie nicht mehr präparierbar.
Genau das ändert sich jetzt:
| Ort | Frostnächte | kälteste Nacht | Nullgradgrenze im Mittel |
|---|---|---|---|
| Zermatt, Theodulgletscher (3500 m) | 9 von 15 | −7,4 °C | 3372 m |
| Saas-Fee, Feegletscher (3400 m) | 9 von 15 | −6,1 °C | 3385 m |
| Jungfraujoch (3571 m) | 10 von 15 | −8,0 °C | 3266 m |
| Stilfserjoch, Gentili (3200 m) | 5 von 15 | −2,9 °C | 3389 m |
Auf dem Theodulgletscher stehen sieben Frostnächte in Folge an, vom 28. August bis zum 3. September. Das ist keine einzelne kalte Nacht, das ist eine Woche Rückgefrieren am Stück. Und das Stilfserjoch fällt auf, aber nicht positiv: Mit 3200 Metern liegt sein Gelände am tiefsten, und dort kommt der Frost nur in fünf Nächten und nie unter minus drei Grad an.
Was fehlt, ist der Schnee
Hier wird es unromantisch.
Ein halber Zentimeter. Über zwei Wochen. Auf dem Gletscher, über den in dieser Woche am meisten geschrieben wird.
Das ist der Punkt, an dem sich die Meldung «in Zermatt könnte es schneien» und die Wirklichkeit auseinanderentwickeln. Schneien wird es, aber nicht messbar viel. Was ankommt, ist Kälte, nicht Schnee.
Was das für Zermatt heisst, und was nicht
Zermatt hat den Sommerskibetrieb am 31. Juli gestoppt und dazu geschrieben, die Lage werde täglich neu beurteilt. Das ist kein Saisonende, das ist ein Aussetzen. Seit dem 15. August, als auch das Stilfserjoch aufhörte, ist zum ersten Mal kein Gebiet der Alpen mehr im Sommerskibetrieb.
Was der Umschwung liefert:
- Rückgefrieren. Genau die Zutat, deren Fehlen Zermatt selbst als Grund genannt hat, kommt zurück, und zwar eine Woche am Stück.
- Tage im Frost. An sieben von fünfzehn Tagen bleibt das Gelände unter der Nullgradgrenze, taut also gar nicht erst auf.
Was er nicht liefert:
- Schneehöhe. Was der Sommer abgeschmolzen hat, kommt mit einem halben Zentimeter nicht zurück. Frost härtet die Oberfläche, die da ist. Er ersetzt keine Auflage.
- Eine Zusage. Ab welchen Werten die Zermatt Bergbahnen wieder aufmachen, wissen wir nicht, und wir tun nicht so. Das ist eine betriebliche Entscheidung, in die Pistenbreite, Spaltenzustand, Personal und Nachfrage genauso hineinspielen wie das Thermometer.
Die ehrliche Zusammenfassung lautet deshalb: Die Bedingung, die im Juli gefehlt hat, ist ab Ende August wieder da. Ob sie reicht, entscheidet nicht das Wetter allein. Wer es genau wissen will, schaut auf die Gebietsseite von Zermatt und auf die Seite der Bergbahnen; wir führen den Status dort nach, sobald sich etwas ändert.
Ab wann das keine Prognose mehr ist
Dieselbe Warnung wie beim letzten Mal, und sie ist diesmal besonders angebracht.
Die ersten sieben bis acht Tage sind belastbar. Danach ist es ein Trend, keine Vorhersage. Wie schnell das kippt, zeigt der sechzehnte Tag, den wir aus allen Zahlen oben herausgerechnet haben: Für den 4. September meldet das Modell eine Nullgradgrenze von 4180 Metern und gleichzeitig eine Tiefsttemperatur von minus 7,6 Grad auf 3500 Metern. Beides zusammen ist physikalisch unmöglich.
Der Grund ist technisch: Die Nullgradgrenze ist ein Feld des Modellgitters, die Temperatur wird auf die von uns vorgegebene Höhe heruntergerechnet. Am Rand des Vorhersagezeitraums laufen die beiden Wege auseinander. Wir zeigen den Tag deshalb nicht, statt ihn stillschweigend mitzumitteln.
Alle Zahlen dieses Beitrags beziehen sich auf den 20. August bis 3. September.
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Quellen und Methode
- Modelldaten: Open-Meteo, das die Modelle von MeteoSchweiz und dem Deutschen Wetterdienst zusammenführt. Abgerufen am 20. August 2026. Die Abfrage steht als Skript im Projekt (
scripts/wetterausblick.mjs) und lässt sich jederzeit wiederholen. - Höhenangabe: Für jeden Ort wurde die Geländehöhe fest vorgegeben (Zermatt 3500 m, Saas-Fee 3400 m, Stilfserjoch 3200 m, Jungfraujoch 3571 m). Ohne diese Angabe rechnet das Modell mit der Höhe seines Gitterpunkts, und die liegt im Hochgebirge regelmässig mehrere hundert Meter daneben.
- Nullgradgrenze: stündliche Modellwerte, je Tag der tiefste. Das ist der Moment, in dem oben am ehesten Schnee statt Regen fällt.
- Neuschnee: Tagessumme des Modells, keine gemessene Schneehöhe. Modelle überschätzen Neuschnee im Hochgebirge eher, als dass sie ihn unterschätzen; die Aussage «kaum Schnee» wird dadurch nicht schwächer, sondern stärker.
- Begründungen der Bergbahnen: Mitteilungen der Zermatt Bergbahnen vom 31. Juli 2026, der Saastal Bergbahnen vom 10. August 2026 und der S.I.F.A.S. vom 15. August 2026.