Skitourengehen wächst schneller als jede andere Wintersportart im Alpenraum, und es hat ein Einstiegsproblem: Der Sport sieht aus wie Wandern mit Skiern und ist es in genau einem Punkt nicht. Sobald man die Piste verlässt, betritt man Gelände, das gefährlich sein kann, ohne dass man es ihm ansieht.
Der Einstieg besteht deshalb nicht aus einer Ausrüstungsliste, sondern aus einer Reihenfolge.
Die vier Stufen
Stufe 1: Sicher Ski fahren können, auch im Ungespurten. Das ist die harte Voraussetzung, und sie wird gern übergangen. Eine Skitour endet mit einer Abfahrt in Schnee, der nicht präpariert ist, mit einem Rucksack auf dem Rücken und in Bindungen, die anders auslösen. Wer auf der roten Piste noch arbeitet, hat oben ein Problem.
Stufe 2: Die Pistentour. Aufstieg auf präparierter, offener Piste, innerhalb der Betriebszeiten. Hier lernt man Felle, Spitzkehren, Tempo, Bindungshandhabung und die eigene Kondition kennen, ohne dass gleichzeitig eine Lawinenbeurteilung nötig wäre. Was dabei zu beachten ist, steht in unserem Beitrag zu den Pistentouren, samt dem Grund, warum ausserhalb der Betriebszeiten Lebensgefahr besteht.
Stufe 3: Der Kurs. Ein Lawinenkurs bei SAC, SLF-nahen Anbietern oder einer Bergschule. Zwei bis drei Tage, meist mit Übernachtung, Theorie und Gelände. Das ist der Punkt, an dem aus einem Konsumenten von Wetterberichten jemand wird, der eine Entscheidung begründen kann.
Stufe 4: Die erste richtige Tour, mit jemandem, der es kann. Nicht allein, nicht mit einer gleich unerfahrenen Gruppe. Entweder geführt oder mit erfahrenen Leuten, die bereit sind, Anfänger dabeizuhaben.
Diese Reihenfolge ist der ganze Inhalt dieses Beitrags. Alles andere sind Details.
Was es kostet
Die Zahlen, damit die Entscheidung auf einer Grundlage steht. Richtwerte für die Schweiz, Winter 2025/26.
Daraus folgt eine klare Empfehlung für die ersten Male: mieten, und zwar alles. Eine komplette Tourenausrüstung zu kaufen, bevor man weiss, ob man den Sport überhaupt mag, ist der teuerste denkbare Weg. Wo die Grenze zwischen Mieten und Kaufen liegt, haben wir durchgerechnet.
Eine Ausnahme gibt es: Wer sicher weiss, dass er dabeibleibt, kauft das Notfallset zuerst und den Rest später. Das Set kostet am wenigsten, ist am längsten haltbar und ist das einzige Stück, bei dem man es gerne kennt.
Die drei Fehler, die immer wieder passieren
Die Ausrüstung als Erlaubnis lesen. Ein vollständiges Notfallset senkt nicht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Hang bricht. Es verbessert nur, was danach passiert. Wer mit Set in einen Hang fährt, den er ohne Set gemieden hätte, hat sein Risiko erhöht.
Der Gruppe vertrauen statt der Beurteilung. Der häufigste Satz vor einem Unfall ist eine Variante von «die anderen fahren ja auch». Bei einem Altschneeproblem funktioniert dieses Argument besonders schlecht: Ein Hang kann zehnmal befahren werden und beim elften Mal brechen.
Zu spät umdrehen. Der Umkehrpunkt wird unten festgelegt und oben nicht mehr diskutiert. Wer erst im Hang merkt, dass er zu spät dran ist, hat die Entscheidung schon aus der Hand gegeben.
Wann im Jahr anfangen
Ein praktischer Hinweis, der selten irgendwo steht: Der beste Zeitpunkt für die erste Tour ist nicht der Hochwinter, sondern das Frühjahr.
Im März und April ist die Schneedecke oft besser verfestigt, die Verhältnisse sind über den Tag berechenbarer, die Tage sind lang, und es ist wärmer. Der Preis dafür ist, dass die Zeitplanung strenger wird, weil Nassschnee im Tagesverlauf zunimmt und man deshalb früh unterwegs sein muss.
Kurse sind allerdings im Januar und Februar am sinnvollsten, weil man dort die schwierigen Verhältnisse sieht, um die es geht. Die Reihenfolge lautet also: Kurs im Hochwinter, erste eigene Touren im Frühjahr.
Und wenn man erst einmal hineinschnuppern will
Für den Fall, dass die vier Stufen nach viel klingen, gibt es einen kleineren Einstieg, den wir für unterschätzt halten.
Eine Pistentour am Feierabend, mit Mietausrüstung, in einem Gebiet mit Aufstiegsroute. Kostet unter hundert Franken, dauert zwei Stunden, verlangt keine Vorkenntnisse ausser Skifahren und beantwortet die einzige Frage, die am Anfang wirklich zählt: ob man das Bergaufgehen mag.
Und daneben ein Nachmittag an einem der über zwanzig Lawinen-Trainingsparks, die es in Schweizer Gebieten gibt. Benutzung meist gratis mit Skipass. Wer dort zum ersten Mal ein Verschüttetensuchgerät in der Hand hat und die Zeit stoppt, versteht innerhalb einer Viertelstunde, warum Stufe 3 in der Liste oben nicht optional ist.
Quellen und Vorbehalte
- Preise: Schweizer Fachhandel und Kursanbieter, Stand August 2026. Miet- und Kurspreise schwanken erheblich nach Ort, Anbieter, Dauer und Saison; die Bandbreiten sind Richtwerte und keine Angebote.
- Kaufpreis Notfallset ab CHF 579 nach unserer eigenen Aufstellung zur Lawinenausrüstung.
- Regeln für Pistentouren nach den gemeinsamen Empfehlungen von Seilbahnen Schweiz, SAC und BFU.
- Die Empfehlung, im Frühjahr zu beginnen, ist eine Einordnung und keine Regel. Frühjahrsverhältnisse sind im Mittel berechenbarer, aber Nassschnee und Wärme bringen eigene Probleme mit, insbesondere im Tagesverlauf.
- Die vier Stufen sind unsere Darstellung eines Einstiegswegs, kein Lehrplan eines Verbands.
Dieser Beitrag beschreibt einen Weg in den Sport und ist ausdrücklich keine Ausbildung. Er ersetzt keinen Lawinenkurs und keine geführte Tour. Ausgebildet wird bei SLF und SAC, im Gelände und mit Übung im Schnee.