Fragt man, wo in der Schweiz Freeride stattfindet, bekommt man immer dieselben fünf Namen. Das ist nicht falsch, aber es ist auch keine Auswertung, sondern eine Erinnerung an Filme.

Wir haben es anders versucht. Freeride braucht eine Sache zwingend, und die steht in unserem Datensatz für alle 87 Gebiete: Höhendifferenz. Eine Abfahrt abseits der Piste lohnt sich ab einer gewissen Länge, und Länge kommt aus vertikalem Abstand zwischen oberstem und unterstem Punkt.

Die Rangliste

Zermatt 1620 bis 3883 m
2263 hm
Grindelwald-Wengen 944 bis 2971 m
2027 hm
Engelberg-Titlis 1050 bis 3028 m
1978 hm
Gstaad inkl. Glacier 3000
1971 hm
LAAX 1100 bis 3018 m
1918 hm
Meiringen-Hasliberg 600 bis 2433 m
1833 hm
Verbier / 4 Vallées 1500 bis 3330 m
1830 hm
Aletsch Arena 1050 bis 2869 m
1819 hm
Belalp 1327 bis 3118 m
1791 hm
Median aller 87 Vergleichswert
1085 hm
Höhendifferenz zwischen tiefstem und höchstem Punkt des Gebiets. Der Median über alle 87 Gebiete im Datensatz liegt bei 1085 Höhenmetern, also knapp der Hälfte des Spitzenwerts. Eigene Auswertung aus src/data/resorts.json, Höhenangaben nach den Gebieten.

Bemerkenswert an dieser Liste ist, was sie richtig trifft und was sie übersieht.

Richtig getroffen: Engelberg, Verbier und LAAX stehen weit oben, und alle drei sind tatsächlich Freeride-Zentren mit eigener Infrastruktur. LAAX betreibt eine Freeride Base, Verbier ist Austragungsort des Xtreme am Bec des Rosses, und Engelberg lebt seit Jahrzehnten von seinen grossen Abfahrten.

Übersehen: Andermatt und Davos tauchen nicht in den ersten neun auf, gelten aber beide als Freeride-Adressen. Beim einen liegt es an einem hoch gelegenen Talboden, beim anderen an der Aufteilung auf mehrere getrennte Berge. Die Höhendifferenz eines Gebiets ist eben nicht dasselbe wie die längste zusammenhängende Abfahrt darin.

Wo die Zahl in die Irre führt

Das ist der Teil, den wir nicht weglassen können, weil er die Auswertung oben zur Hälfte entwertet.

Höhendifferenz ist nicht Gelände. Zwischen dem höchsten und dem tiefsten Punkt eines Gebiets kann alles Mögliche liegen: eine durchgehende Nordflanke oder drei getrennte Berge mit einer Busverbindung dazwischen. Unser Datensatz kennt den Unterschied nicht.

Höhendifferenz ist nicht Schneesicherheit. Ein Gebiet, das bei 600 Metern anfängt wie Meiringen-Hasliberg, hat auf dem Papier viel Vertikale, aber die untersten Meter sind im Januar oft grün. Für die reine Zahl zählt es trotzdem mit.

Höhendifferenz sagt nichts über Zugänglichkeit. Ob man an das Gelände herankommt, ohne eine Stunde aufzusteigen, steht in keiner Höhenangabe.

Und der wichtigste Punkt: Sie sagt genau nichts über die Sicherheit. Ein grosses Gefälle heisst mehr steiles Gelände, und mehr steiles Gelände heisst mehr Lawinengelände. Die Zahlen oben sind eine Liste dessen, wo Freeride möglich ist, und in demselben Mass eine Liste dessen, wo es gefährlich ist.

Was ein Gebiet zu einem Freeride-Gebiet macht

Neben der Vertikalen gibt es Dinge, die sich nicht als Zahl abbilden lassen, die aber den praktischen Unterschied ausmachen.

Infrastruktur für Freerider. Manche Gebiete betreiben eine eigene Anlaufstelle mit Verhältnisinformationen, geführten Touren und Material. LAAX ist dafür das bekannteste Schweizer Beispiel.

Eine Übungsanlage für die Verschüttetensuche. Über zwanzig Schweizer Gebiete haben eine, meist gratis mit Skipass; die vollständige Liste steht in unserer Übersicht der Lawinen-Trainingsparks. Sechs der neun Gebiete aus der Rangliste oben haben eine.

Eine ehrliche Kommunikation zur Lage. Gebiete, die ihre Variantenabfahrten markieren, kontrollieren und im Zweifel sperren, unterscheiden sich erheblich von solchen, die dazu gar nichts sagen. Das ist von aussen schwer zu messen und im Zweifel wichtiger als jede Höhenangabe.

Der Satz, der zu diesem Thema gehört

Freeride-Gelände ist per Definition ungesichertes Gelände. Es wird nicht kontrolliert, nicht gesprengt und nicht präpariert, und es gilt dort das Lawinenbulletin und nicht die Pistenordnung.

Die Statistik dazu ist eindeutig: Rund die Hälfte aller Lawinentoten verunglückt bei Gefahrenstufe 3, also an einem Tag, der im Bulletin als «erheblich» steht und an dem die Gebiete offen sind und die Sonne scheint. Die Zahlen stehen in unserem Beitrag zu den fünf Lawinenstufen.

Ein Gebiet mit 2000 Höhenmetern ist kein besseres Freeride-Gebiet, wenn man das Gelände nicht beurteilen kann. Es ist dann nur ein grösseres.

Quellen und Vorbehalte

  • Höhenangaben: eigener Datensatz für 87 Gebiete, Werte nach Angaben der Gebiete. Die Höhendifferenz ist die Differenz zwischen höchstem und tiefstem Punkt des Gebiets, nicht die längste zusammenhängende Abfahrt. Median über alle 87 Gebiete: 1085 Höhenmeter.
  • Mehrere Gebiete in der Liste umfassen zusammengeschlossene Skiräume über mehrere Berge. Die Höhendifferenz bezieht sich auf das Gebiet als Ganzes.
  • Wir führen bewusst keine Rangliste von Freeride-Abfahrten. Einzelne Abfahrten zu benennen und zu bewerten hiesse, Gelände zu empfehlen, das wir nicht beurteilen können und dessen Verhältnisse sich täglich ändern. Das ist Sache der Gebiete, Bergführer und des Lawinenbulletins.
  • Die Angaben zur Freeride-Infrastruktur einzelner Gebiete beruhen auf öffentlich zugänglichen Darstellungen der Gebiete und sind nicht systematisch erhoben.

Dieser Beitrag wertet Höhendaten aus. Er ist keine Geländeempfehlung und keine Ausbildung. Wer abseits der Piste fährt, braucht einen Lawinenkurs bei SLF oder SAC und im Zweifel einen Bergführer.