Die europäische Lawinengefahrenskala hat fünf Stufen, und fast jeder liest sie falsch. Nicht, weil die Stufen kompliziert wären, sondern weil die Zahlenreihe eine Gleichmässigkeit suggeriert, die es nicht gibt: Stufe 3 sieht aus wie die Mitte zwischen 1 und 5. In der Unfallstatistik ist sie das Gegenteil, nämlich der gefährlichste Bereich überhaupt.
Die Skala
- 1 gering ~20 % ~5 %
- 2 mässig ~50 % ~30 %
- 3 erheblich ~30 % ~50 %
- 4 gross 2,1 % ~10 %
- 5 sehr gross sehr selten ~1 %
Zwei Zahlenreihen, die nicht zueinander passen. Stufe 2 gilt an der Hälfte aller Wintertage und fordert weniger als ein Drittel der Opfer. Stufe 4 gilt an gut zwei von hundert Tagen und fordert jedes zehnte.
Die Zahl, die das sichtbar macht
Teilt man den Anteil der Todesopfer durch den Anteil der Prognosetage, bekommt man ein Mass dafür, wie tödlich ein einzelner Tag dieser Stufe ist. Ein Wert von 1,0 hiesse: genau so gefährlich, wie die Häufigkeit erwarten lässt.
Ein einzelner Tag mit Stufe 4 ist rund neunzehnmal so tödlich wie ein Tag mit Stufe 1, und knapp dreimal so tödlich wie ein Tag mit Stufe 3.
Dabei ist dieser Wert sogar noch geschönt. Er rechnet mit Kalendertagen, nicht mit Menschen im Gelände. An einem Tag mit Stufe 4 sind erheblich weniger Leute unterwegs als an einem Tag mit Stufe 2. Pro Person, die tatsächlich hinausgeht, klafft die Schere also noch weiter auf.
Warum trotzdem Stufe 3 die meisten Opfer fordert
Das ist kein Widerspruch, sondern der Unterschied zwischen Wahrscheinlichkeit und Häufigkeit. Bei Stufe 4 bleiben die meisten daheim, bei Stufe 5 praktisch alle. Bei Stufe 3 nicht: Sie steht ein Drittel des Winters im Bulletin, und wer nur bei Stufe 1 und 2 losfahren wollte, käme kaum je auf Tour.
Dazu kommt die Spannweite. Das SLF selbst nennt als Grund für die Feinunterteilung, dass Stufe 3 «ein sehr breites Spektrum» abdeckt. Zwischen einem knapp erheblichen Tag und einem knapp grossen liegt praktisch ein Unterschied von einer ganzen Stufe, und beides steht als dieselbe 3 im Bulletin.
Die Schweizer Zwischenstufen
Genau deshalb macht die Schweiz seit dem Winter 2022/23 etwas, das sonst niemand macht.
- 1 gering
- 2 mässig in der Schweiz unterteilt: 2−, 2=, 2+
- 3 erheblich in der Schweiz unterteilt: 3−, 3=, 3+
- 4 gross in der Schweiz unterteilt: 4−, 4=, 4+
- 5 sehr gross
Aus «Stufe 3» wird damit 3−, 3= oder 3+. Die fünf Grundstufen bleiben unverändert, es kommt nur eine Angabe dazu, wo innerhalb der Stufe man steht.
Die Begründung ist gut belegt: Über sechs Winter ausgewertet verringerten die Zwischenstufen die Abweichung zwischen Prognose und Beobachtung im Gelände, und sie hingen mit objektiv messbaren Grössen zusammen, etwa der Häufigkeit von Setzungsgeräuschen und den Ergebnissen von Stabilitätstests.
Wichtig für alle, die über die Grenze fahren: Die Zwischenstufen gibt es bislang nur in der Schweiz. Frankreich, Österreich, Italien und die übrigen Mitglieder der europäischen Lawinenwarndienste arbeiten weiter mit der reinen Fünferskala. Sie beobachten die Schweizer Erfahrungen, übernommen hat es bisher keiner. Wer am Montag in Davos ein 3− liest und am Mittwoch in Tignes eine 3, hat nicht dieselbe Information vor sich.
Was die Skala nicht ist
Drei Missverständnisse, die sich hartnäckig halten.
Sie ist keine Prozentangabe. Stufe 4 heisst nicht «80 Prozent Lawinengefahr». Die Stufen beschreiben eine Kombination aus Verbreitung der Gefahrenstellen, Auslösewahrscheinlichkeit und zu erwartender Lawinengrösse. Ein Wahrscheinlichkeitswert steht nirgends drin.
Sie ist nicht linear. Der Sprung von 3 auf 4 ist grösser als der von 1 auf 2, und zwar deutlich. Das ist keine Ungenauigkeit, sondern Absicht: Die Skala bildet ab, wie Lawinengefahr tatsächlich zunimmt, und das ist keine Gerade.
Sie gilt regional, nicht für den Hang vor dir. Das Bulletin beschreibt ein Gebiet von der Grösse einer Region, nicht einen einzelnen Hang. Es sagt, womit zu rechnen ist, nicht, wo. Die Zuordnung zum konkreten Gelände ist genau der Teil, den niemand aus einer Farbe ablesen kann, und der Teil, für den es eine Ausbildung braucht.
Was das praktisch heisst
Die brauchbare Schlussfolgerung aus den Zahlen ist unbequem, weil sie der Intuition widerspricht.
Die meisten Menschen behandeln die Skala als Ampel: 1 und 2 grün, 3 gelb, 4 und 5 rot. Die Statistik legt eine andere Aufteilung nahe. Der gesamte Ernstfall liegt zwischen 2 und 4, und die Stufe, an der die meisten sterben, ist die, an der die meisten losgehen.
Für Pistenfahrer ändert das nichts: Offene, markierte Pisten werden gesichert und sind auch bei Stufe 4 in aller Regel sicher. Die gesamte Statistik oben handelt vom freien Gelände. Der Übergang dorthin ist an vielen Orten ein einzelner Schritt neben die Piste, und genau dieser Schritt wechselt die Risikoklasse.
Quellen und Vorbehalte
- SLF, Erläuterungen zu den Gefahrenstufen: Häufigkeit im Alpenraum vom 1. Dezember bis 30. April, Stufe 1 rund 20 Prozent, Stufe 2 rund 50, Stufe 3 rund 30, Stufe 4 2,1 Prozent, Stufe 5 sehr selten. Anteil an den Lawinentoten: Stufe 1 rund 5 Prozent, Stufe 2 rund 30, Stufe 3 rund 50, Stufe 4 rund 10, Stufe 5 rund 1.
- SLF, Unterteilung der Gefahrenstufen im Lawinenbulletin, eingeführt zum Winter 2022/23, nur für trockene Lawinen, ab Stufe 2.
- EAWS (European Avalanche Warning Services), gemeinsame europäische Gefahrenskala. Die Zwischenstufen sind bislang eine Schweizer Lösung; die übrigen Mitglieder verfolgen die Auswertung, haben sie aber nicht eingeführt.
- Die genannten Prozentwerte sind gerundet und summieren sich nicht exakt auf hundert. Der Quotient aus Opferanteil und Tagesanteil ist unsere eigene Rechnung, keine SLF-Kennzahl. Er unterstellt, dass an allen Tagen gleich viele Menschen im Gelände sind, was nicht stimmt und den Wert für die hohen Stufen eher zu klein ausfallen lässt.
Dieser Beitrag erklärt, wie die Skala aufgebaut ist, und ersetzt keinen Lawinenkurs. Ausgebildet wird bei SLF und SAC.