Kaum ein Ausrüstungsstück im Bergsport wird so unterschiedlich beurteilt wie der Lawinenairbag. Die einen halten ihn für den grössten Fortschritt seit dem Verschüttetensuchgerät, die anderen für ein teures Placebo, das vor allem dazu führt, dass Leute in steilere Hänge fahren.
Es gibt zu dieser Frage eine belastbare Untersuchung, und ihr Ergebnis liegt zwischen den beiden Lagern. Sie stammt von Pascal Haegeli und Kollegen, wurde 2014 veröffentlicht und wertete 424 schwere Lawinenunfälle zwischen 1994 und 2012 in sieben Ländern aus, darunter die Schweiz.
Die Kernzahl
Betrachtet werden Menschen, die von einer Lawine der Grösse 2 oder grösser erfasst wurden, also einer, die gross genug für eine ernsthafte Verschüttung ist.
Der Mechanismus dahinter ist keine Schutzhülle, sondern Physik. Bewegter Schnee entmischt sich nach Korngrösse, grosse Teile wandern nach oben. Der Airbag vergrössert das Volumen des Körpers, ohne sein Gewicht nennenswert zu erhöhen, und verschiebt ihn damit in der Sortierung nach oben. Das zeigt sich in der zweiten Zahl der Studie: Das Risiko einer kritischen Verschüttung sinkt von 47 auf 20 Prozent.
Der Airbag wirkt also nicht in der Verschüttung, sondern davor. Wer nicht ganz verschüttet wird, taucht in der Überlebenskurve gar nicht erst auf.
Der Haken: jeder fünfte geht nicht auf
Hier wird die Sache unbequem. Die Studie fand eine Versagensquote von 20 Prozent. Und der Grund ist meistens nicht die Technik:
Zahlen als Tabelle anzeigen
| Eintrag | Wert |
|---|---|
| Geht auf | 80 % |
| Benutzer (nicht ausgelöst) | 12 % |
| Übriges (Technik, Gerät, Umstände) | 8 % |
Sechzig Prozent der Versager gehen darauf zurück, dass niemand am Griff gezogen hat. Der Rest verteilt sich auf Gerätefehler, abgerissene Auslösegriffe, zerstörte Ballons und Fälle, in denen der Rucksack im Sturz verloren ging.
Das ist die eigentliche Erkenntnis dieser Studie, und sie hat wenig mit Technik zu tun: Ein Airbag ist das einzige Sicherheitsgerät im Rucksack, das innerhalb von ein bis zwei Sekunden und unter maximalem Stress bedient werden muss. Ein Verschüttetensuchgerät wird von jemandem benutzt, der noch steht. Der Airbag muss von der Person ausgelöst werden, die gerade weggerissen wird.
Was übrig bleibt, wenn man das einrechnet
Die 22 gegen 11 Prozent gelten für den Fall, dass der Airbag aufgeht. Rechnet man die Versagensquote mit ein, sieht die Bilanz für einen zufällig herausgegriffenen Airbagträger anders aus:
| Anteil | Sterblichkeit | |
|---|---|---|
| Airbag geht auf | 80 % | 11 % |
| Airbag geht nicht auf | 20 % | rund 22 % |
| Zusammen | 100 % | rund 13 % |
Statt einer Halbierung von 22 auf 11 bleibt eine Senkung von 22 auf rund 13 Prozent. Immer noch ein erheblicher Effekt, aber deutlich weniger, als die Kernzahl verspricht.
Und das ist die brauchbare Schlussfolgerung: Der grösste Hebel liegt nicht im Kauf, sondern im Üben des Auslösens. Zwölf von hundert Airbags versagen, weil niemand gezogen hat. Diese zwölf Prozent sind der einzige Teil der Rechnung, den man selbst beeinflussen kann.
Was der Airbag nicht kann
Drei Grenzen, die in keiner Produktbeschreibung stehen.
Er hilft nicht gegen Anprall. Zwischen einem Fünftel und einem Drittel der Lawinentoten stirbt an Verletzungen aus dem Abgang, nicht am Ersticken. Gegen einen Baum oder eine Felskante wirkt der Ballon nicht, und in Gelände mit Absturzgefahr auch nicht gegen den Sturz.
Er hilft nicht in Geländefallen. Läuft die Lawine in eine Mulde, einen Bachlauf oder gegen einen Waldrand, staut sich der Schnee auf. Die Sortierung nach oben nützt dann wenig, weil oben immer noch mehrere Meter Schnee liegen.
Er ersetzt nichts. Ein Airbag ist eine Ergänzung zu Verschüttetensuchgerät, Sonde und Schaufel, kein Ersatz. Die 11 Prozent, die trotz aufgegangenem Airbag sterben, sind zum Teil genau die Fälle, in denen es dann doch auf die Kameradenrettung ankommt.
Und die Frage nach dem Risikoausgleich
Der häufigste Einwand gegen Airbags lautet, sie verleiteten zu grösserem Risiko. Der Fachbegriff dafür ist Risikokompensation, und das Argument ist nicht abwegig: Es ist für Sicherheitsgurte, Helme und Antiblockiersysteme untersucht worden, mit gemischten Ergebnissen.
Ehrlich gesagt: Wir haben dazu keine belastbare Zahl gefunden. Die Studie von Haegeli misst die Wirksamkeit im Unfall, nicht das Verhalten davor. Ob Airbagträger im Mittel steiler fahren, lässt sich daraus nicht ablesen, und wir tragen hier keine Vermutung als Befund vor.
Was sich sagen lässt: Wenn es Risikokompensation gibt, frisst sie einen Teil des gemessenen Nutzens wieder auf, und der gemessene Nutzen ist nach Abzug der Versagensquote ohnehin kleiner als die plakative Halbierung.
Was er kostet
Preise im Schweizer Fachhandel für den Winter 2025/26, als Grössenordnung:
- Kartuschensysteme ab rund 560 Franken, dazu die Kartusche und deren Wiederbefüllung nach jeder Auslösung und jedem Übungszug.
- Elektronische Systeme rund 1000 Franken. Sie kommen ohne Kartusche aus, lassen sich mehrfach auslösen und damit auch üben, und sie sind im Flugzeug unproblematisch.
Der Unterschied ist für die Wirksamkeit zweitrangig und für das Üben entscheidend. Bei einem Kartuschensystem kostet jeder Übungszug Geld, bei einem elektronischen nicht. Angesichts dessen, dass zwölf von hundert Airbags versagen, weil niemand gezogen hat, ist das kein Nebenaspekt.
Was das gesamte Notfallset kostet, steht in unserer Aufstellung zur Lawinenausrüstung.
Quellen und Vorbehalte
- Haegeli, P. et al. (2014), «The effectiveness of avalanche airbags», Resuscitation. Ausgewertet wurden 424 schwere Lawinenunfälle zwischen 1994 und 2012 in Österreich, Kanada, Frankreich, Norwegen, der Slowakei, der Schweiz und den USA, bei denen mindestens eine erfasste Person einen Airbag trug. Bereinigte absolute Senkung der Sterblichkeit 11 Prozentpunkte (von 22 auf 11 Prozent), Vertrauensintervall 4 bis 18 Prozentpunkte, bereinigtes Risikoverhältnis 0,51. Risiko einer kritischen Verschüttung 47 Prozent ohne, 20 Prozent mit aufgegangenem Airbag. Versagensquote 20 Prozent, davon 60 Prozent nicht erfolgte Auslösung.
- Die Rechnung «rund 13 Prozent» ist unsere eigene und unterstellt, dass ein nicht aufgegangener Airbag wie kein Airbag wirkt. Das ist eine Vereinfachung: Ein nicht ausgelöster Rucksack hat auch ohne Ballon ein gewisses Volumen.
- Preise: Schweizer Fachhandel, Stand Winter 2025/26, Richtwerte für den Einstieg. Sie schwanken erheblich mit Modell und Rabatt.
- Die Studie ist von 2014 und damit über zehn Jahre alt. Die Geräte sind seither leichter und teilweise elektronisch geworden. Ob die Versagensquote heute niedriger liegt, wissen wir nicht; eine neuere Untersuchung dieses Umfangs ist uns nicht bekannt.
Dieser Beitrag wertet eine Studie aus und ist keine Ausbildung. Wie man einen Airbag im Ernstfall bedient, lernt man beim Üben und im Kurs, bei SLF und SAC.