In der Lawinenforschung gibt es wenige Grafiken, die so oft gezeigt werden wie diese eine. Sie zeigt, wie wahrscheinlich eine ganz verschüttete Person überlebt, aufgetragen über die Zeit, die sie unter dem Schnee verbringt. Die Kurve ist keine Gerade, und darin steckt die ganze Aussage.

0% 25% 50% 75% 100% 01530456090120 Minuten verschüttet ÜberlebensphaseErstickungsphaseLatenzphase
Zahlen als Tabelle anzeigen
MinutenÜberlebenswahrscheinlichkeit
0100 %
1592 %
1891 %
2552 %
3531 %
6026 %
12021 %
Überlebenswahrscheinlichkeit ganz verschütteter Personen nach Verschüttungsdauer. Belegt und mehrfach publiziert sind die beiden markierten Punkte: rund 90 Prozent bis etwa 18 Minuten, rund 30 Prozent nach 35 Minuten. Der Verlauf dazwischen folgt der veröffentlichten Kurve, ist aber keine eigene Messung. Nach Falk und Brugger, Überlebenskurve für Lawinenverschüttete; Daten aus der Schweiz, Österreich und Kanada.

Was die drei Phasen bedeuten

Bis etwa 18 Minuten passiert fast nichts. Wer in dieser Zeit ausgegraben wird, überlebt mit rund 90 Prozent Wahrscheinlichkeit. Der Schnee ist luftdurchlässig genug, die Atmung funktioniert, solange Mund und Nase frei sind oder ein Hohlraum existiert.

Zwischen 18 und 35 Minuten bricht die Kurve ein. Von rund 90 auf rund 30 Prozent. In diesem Abschnitt erstickt der grösste Teil derjenigen, die sterben. Der ausgeatmete Kohlendioxid reichert sich im umgebenden Schnee an, die eingeatmete Luft wird schlechter, und der Schnee vor dem Gesicht vereist durch die Atemfeuchtigkeit zu einer dichten Maske.

Nach 35 Minuten flacht die Kurve ab. Sie fällt weiter, aber langsam, auf gut 20 Prozent. Wer diese Phase erreicht, hat in aller Regel einen Hohlraum vor dem Gesicht und eine freie Atemwegsöffnung. Diese Menschen sterben nicht mehr am Sauerstoffmangel, sondern langsam an Unterkühlung.

Die Rechnung, die daraus folgt

Diese Kurve ist der Grund, warum in der Lawinenrettung ein Satz gilt, der aus jedem anderen Rettungswesen fremd klingt: Die organisierte Rettung kommt fast immer zu spät.

Das ist kein Vorwurf an Rettungsdienste, sondern Arithmetik. Der Ablauf hat eine feste Reihenfolge, und jeder Schritt braucht Zeit:

  1. Die Lawine kommt zum Stillstand.
  2. Jemand bemerkt die Verschüttung und alarmiert.
  3. Die Alarmierung wird entgegengenommen und weitergegeben.
  4. Eine Besatzung startet und fliegt an, im Winter oft in schwierigem Wetter.
  5. Am Unfallort muss die verschüttete Person erst gefunden werden.

Selbst wenn jeder einzelne Schritt reibungslos läuft, ist das Fenster von achtzehn Minuten in den allermeisten Fällen längst zu, bevor Schritt vier abgeschlossen ist. In der Praxis liegt zwischen Lawinenabgang und Eintreffen einer Helikopterbesatzung regelmässig mehr Zeit, als die Kurve übrig lässt.

Wir haben bewusst darauf verzichtet, hier eine durchschnittliche Schweizer Eintreffzeit hinzuschreiben: Eine belastbare, öffentlich dokumentierte Zahl dafür haben wir nicht gefunden, und eine geschätzte wäre an dieser Stelle das Falscheste. Das Argument braucht sie auch nicht, es folgt schon aus der Reihenfolge der Schritte.

Daraus ergibt sich die eigentliche Konsequenz: Die einzige Rettung, die statistisch im Zeitfenster ankommt, ist die durch die Leute, die daneben stehen. Alles, was an Ausrüstung mitgeführt wird, dient dieser einen Aufgabe.

Woran Menschen in Lawinen sterben

Hier wird es interessant, weil die Zahlen aus verschiedenen Quellen nicht übereinstimmen und wir das nicht glätten wollen.

Ersticken internationale Literatur
~70 %
Verletzung internationale Literatur
20 bis 30 %
Verletzung SLF, Schweizer Daten
mind. 1 von 7
Todesursachen bei Lawinenopfern. Die internationale Literatur nennt für tödliche Verletzungen 20 bis 30 Prozent, das SLF für die Schweiz mindestens jeden siebten Fall, also rund 14 Prozent. Die Spanne ist echt und nicht auflösbar. SLF, langjährige Statistiken; internationale Angaben aus der notfallmedizinischen Literatur zu Todesursachen bei Lawinenverschütteten.

Der grösste Teil der Todesopfer erstickt. Aber ein erheblicher Teil, je nach Quelle jeder siebte bis jeder dritte, stirbt an den Verletzungen aus dem Lawinenabgang selbst: Anprall an Felsen und Bäumen, Sturz über Geländekanten, Verletzungen durch die eigene Ausrüstung.

Dieser Anteil ist die unbequemste Zahl der ganzen Statistik, weil er sich durch schnelle Rettung nicht beeinflussen lässt. Wer im Sturz tödlich verletzt wird, ist tot, bevor die Kurve oben überhaupt beginnt. Kein Suchgerät und keine Schaufel ändern daran etwas.

Warum die Zahlen auseinandergehen, lässt sich vermuten: Die Fälle werden unterschiedlich erfasst, nicht bei jedem Todesfall wird eine Obduktion gemacht, und die Geländearten unterscheiden sich zwischen Ländern. Sicher sagen können wir es nicht.

Was über Leben und Tod entscheidet

Aus den Untersuchungen zu Ganzverschüttungen lassen sich drei Faktoren herausziehen, und sie wirken zusammen, nicht einzeln:

Die Verschüttungsdauer ist der Faktor mit der stärksten Wirkung, und der einzige, den Begleitpersonen nach dem Unglück noch beeinflussen können.

Die Verschüttungstiefe. Sie wirkt doppelt: Tiefer verschüttet heisst weniger Luftaustausch mit der Oberfläche und gleichzeitig deutlich mehr Schnee, der weggeschaufelt werden muss. Die Schaufelzeit steigt nicht linear mit der Tiefe, sondern schneller.

Der Hohlraum vor dem Gesicht. Ob einer existiert, entscheidet darüber, ob jemand die Phase nach 35 Minuten überhaupt erreicht. Er entsteht zufällig, je nach Körperhaltung im Moment des Stillstands.

In der Schweizer Langzeitstatistik überlebt insgesamt rund die Hälfte aller im freien Gelände ganz verschütteten Personen. Das klingt nach einem Münzwurf und ist im Kern auch einer: Die Hälfte des Ergebnisses steht fest, bevor jemand zu graben anfängt.

Was die Kurve über Ausrüstung sagt

Ohne in eine Anleitung zu kippen, lässt sich aus der Form der Kurve eine Logik ableiten, die erklärt, warum die Standardausrüstung so aussieht, wie sie aussieht.

Sie zerfällt in zwei Klassen mit ganz verschiedenen Aufgaben.

Verhindern, dass es zur Ganzverschüttung kommt. Hier liegt der Lawinenairbag. Er wirkt vor der Kurve, nicht in ihr: Wer nicht ganz verschüttet wird, taucht in dieser Statistik gar nicht erst auf.

Die Zeit in der Kurve verkürzen. Hier liegen Verschüttetensuchgerät, Sonde und Schaufel. Sie machen die Verschüttung nicht unwahrscheinlicher, sie verschieben nur den Zeitpunkt des Ausgrabens nach links. Genau dort ist die Kurve am steilsten, und deshalb ist dort auch der Gewinn am grössten.

Die dritte Klasse gibt es nicht: Nichts an der Ausrüstung verlängert das Zeitfenster selbst nennenswert.

Was das an Anschaffung kostet und wie sich die Geräte unterscheiden, rechnen wir separat durch. Wie eine Schwachschicht entsteht, die solche Unfälle überhaupt erst auslöst, steht im Beitrag zum Altschneeproblem, und wie sich der vergangene Winter in Zahlen darstellt, in unserer Lawinenbilanz 2025/26.

Quellen und Vorbehalte

  • Überlebenskurve nach Falk und Brugger, dem Standardwerk zur Überlebenswahrscheinlichkeit bei Lawinenverschüttung, gestützt auf Daten aus der Schweiz, Österreich und Kanada. Belegt sind rund 90 Prozent Überleben bei Bergung innerhalb von 15 bis 18 Minuten und rund 30 bis 35 Prozent nach 35 Minuten.
  • SLF, langjährige Statistiken: rund 50 Prozent Überlebende unter den im freien Gelände ganz Verschütteten, Auswertungszeitraum 2005/06 bis 2012/13. Mindestens jeder siebte Todesfall geht auf Verletzungen zurück, nicht auf Ersticken.
  • Notfallmedizinische Literatur zu Todesursachen: Ersticken rund 70 Prozent, tödliche Verletzungen 20 bis 30 Prozent. Die Abweichung zur Schweizer Zahl ist real und wird hier bewusst stehen gelassen.
  • Zur Bedeutung von Verschüttungsdauer, Verschüttungstiefe und Hohlraum: Untersuchungen an Ganzverschüttungen, unter anderem veröffentlicht über das SLF.
  • Die Kurve beschreibt Wahrscheinlichkeiten über viele Fälle. Für einen einzelnen Unfall sagt sie nichts vorher.

Dieser Beitrag erklärt, was in der Statistik steht. Er ist keine Anleitung zur Kameradenrettung und ersetzt keinen Kurs. Wer im freien Gelände unterwegs ist, lernt das Suchen und Graben bei SLF und SAC, unter Anleitung und mit Übung im Schnee.