Im Winter 2025/26 starben in Europa 146 Menschen in Lawinen, mehr als in jedem Winter der vorangegangenen sieben Jahre. Die Lawinenwarndienste der Alpenländer nannten von Anfang an dieselbe Ursache, und es war nicht der Neuschnee: das Altschneeproblem.
Der Begriff klingt harmlos, fast nach Aufräumarbeit. Gemeint ist eine Schicht aus kantigen, schlecht verbundenen Kristallen, die tief in der Schneedecke liegt, sich über Monate nicht abbaut und von der Oberfläche aus nicht zu erkennen ist.
Wie eine Schwachschicht entsteht
Schnee ist kein totes Material. Solange er liegt, verändern sich seine Kristalle, und in welche Richtung, hängt an einer einzigen Grösse: dem Temperaturgefälle in der Schneedecke.
Der Boden unter einer Schneedecke ist immer ungefähr 0 Grad warm. Der Schnee isoliert ihn gegen die Kälte darüber, und die Erdwärme hält ihn am Gefrierpunkt. Die Oberfläche dagegen folgt der Luft. In einer klaren Nacht im Dezember sind das schnell minus 15 oder minus 20 Grad.
Zwischen diesen beiden Punkten liegt ein Gefälle, und in diesem Gefälle wandert Wasserdampf von unten nach oben. Ist das Gefälle klein, verbinden sich die Kristalle miteinander, die Schneedecke wird fester. Ist es gross, wachsen stattdessen grosse, kantige Kristalle, die aufeinander liegen wie loses Geschirr. Als Faustwert gilt: ab etwa 10 Grad Unterschied pro Meter Schneedecke kippt der Prozess in diese Richtung.
Der Punkt, den kaum jemand erwartet
Damit kommt eine Grösse ins Spiel, die man intuitiv falsch einordnet: die Höhe der Schneedecke selbst.
Das Gefälle ist die Temperaturdifferenz geteilt durch die Dicke der Schneedecke. Dieselbe kalte Nacht wirkt auf 50 Zentimeter Schnee vierfach so stark wie auf zwei Meter.
Genau das passierte im Winter 2025/26. Ende November fiel wenig Schnee, danach folgte eine lange Hochdruckphase mit klaren, kalten Nächten bis weit in den Dezember. Sechs Wochen lang arbeitete das Gefälle an einer dünnen Decke. Was dabei entstand, lag anschliessend den ganzen Winter unten drin.
Warum sie nicht verschwindet
Andere Lawinenprobleme heilen mit der Zeit. Frischer Triebschnee setzt sich innerhalb von Tagen, Neuschnee verbindet sich mit der Unterlage, nasse Verhältnisse frieren nachts durch. Bei allen gilt die gleiche Faustregel: abwarten hilft.
Beim Altschnee gilt sie nicht.
Die Schicht liegt unten, oft unter einem Meter Schnee und mehr. Dort ist sie von der Oberfläche entkoppelt. Sonne, Wind und Wärme erreichen sie nicht, und der Druck des Schnees darüber presst sie nicht zusammen, sondern belastet sie nur. Sie kann Wochen und Monate überdauern, und in ungünstigen Wintern überdauert sie die ganze Saison.
Das erklärt eine Beobachtung, die aus dem letzten Winter überliefert ist und die es sonst kaum gibt: Vom 10. Januar bis zum 22. Februar wurden in der Schweiz an jedem einzelnen Tag von Personen ausgelöste Lawinen gemeldet. Sechs Wochen am Stück, ohne einen einzigen ruhigen Tag dazwischen.
Warum es die Erfahrenen trifft
Die fünf Lawinenprobleme, die die europäischen Lawinenwarndienste unterscheiden, sind nicht gleich schwer zu erkennen.
| Problem | Woran man es erkennt |
|---|---|
| Neuschnee | an der Menge, sichtbar und messbar |
| Triebschnee | an Wind, Wächten, Schneeablagerungen im Gelände |
| Nassschnee | an Temperatur, Tageszeit, nassem Schnee |
| Gleitschnee | an offenen Rissen im Hang, sichtbar |
| Altschnee | gar nicht, jedenfalls nicht von aussen |
Vier der fünf hinterlassen Spuren an der Oberfläche. Man sieht, wo der Wind den Schnee hingeschaufelt hat. Man sieht die Gleitschneemäuler. Man spürt, wenn der Schnee nass wird.
Beim Altschneeproblem gibt es nichts davon. Der Hang sieht aus wie jeder andere.
«Diese Altschneeprobleme sind für Wintersportler extrem schwierig einzuschätzen, weil selbst Fachleute nicht bestimmen können, wo sich Schnee lösen könnte, da die Schwachschicht an der Oberfläche nicht sichtbar ist.»
Benjamin Zweifel, SLF
Der entscheidende Halbsatz ist «selbst Fachleute». Und damit erklärt sich das Auffälligste am letzten Winter: Ein grosser Teil der Opfer waren erfahrene Tourengänger und Freerider mit Ortskenntnis.
Das ist kein Zufall und auch kein Übermut. Erfahrung im Gelände besteht zu einem grossen Teil darin, Zeichen zu lesen, also Windrichtung, Ablagerungen, Schneeoberfläche, Geräusche. Bei einem Altschneeproblem versagt dieser ganze Werkzeugkasten, weil es keine Zeichen gibt. Wer sich auf seine Beobachtung verlässt, verlässt sich in diesem einen Fall auf ein Instrument, das nichts anzeigt. Wer wenig Erfahrung hat und deshalb ohnehin vorsichtig ist, gerät seltener in diese Falle.
Dazu kommt die zweite Tücke: Ein Altschneeproblem lässt sich mehrfach überfahren, ohne dass etwas passiert. Der Hang trägt zehn Spuren, und die elfte löst ihn aus. Das ist der Grund, warum die Beweisführung «da sind schon andere durch» hier besonders schlecht funktioniert.
Was sich daraus lernen lässt, und was nicht
Ein Altschneewinter kündigt sich früh an, und zwar bevor die Saison beginnt. Wenn im November wenig Schnee fällt und danach zwei kalte, klare Wochen folgen, ist die Grundlage für den ganzen Winter gelegt. Diese Information steht ab Dezember in jedem Lawinenbulletin, und sie steht dort teilweise über Monate.
Was sich daraus nicht ableiten lässt, ist die Beurteilung eines einzelnen Hangs. Genau darin liegt die Härte dieses Problems: Es ist auf der Ebene der Region gut beschrieben und auf der Ebene des Einzelhangs praktisch nicht beurteilbar. Wie man damit umgeht, ist Stoff einer Ausbildung und nicht eines Magazinbeitrags, und wir tun hier nicht so, als wäre es anders.
Wie sich der Winter 2025/26 in Zahlen darstellt, steht in unserer Lawinenbilanz. Warum ausgerechnet Gefahrenstufe 3 die meisten Opfer fordert, erklärt der Beitrag zu den fünf Lawinenstufen.
Quellen und Vorbehalte
- SLF, Einordnung zum Winter 2025/26 und zur Entstehung der Schwachschicht: Temperaturgefälle zwischen rund 0 Grad am Boden und minus 5 bis minus 20 Grad an der Oberfläche, Bildung grosser, schlecht verbundener Kristalle. Zitat Benjamin Zweifel ebenda. Von Personen ausgelöste Lawinen an jedem Tag vom 10. Januar bis 22. Februar 2026.
- EAWS (European Avalanche Warning Services), die fünf typischen Lawinenprobleme: Neuschnee, Triebschnee, Altschnee, Nassschnee, Gleitschnee.
- Europäische Bilanz 2025/26: 146 Todesopfer, Vorwinter 70, Zwanzigjahresmittel 104,35. Als Ursache nennen die Warndienste übereinstimmend die tief liegende Schwachschicht aus dem Frühwinter.
- Die Gefälle-Rechnung in der Grafik ist unsere eigene und bewusst vereinfacht: Sie unterstellt eine gleichmässige Temperaturverteilung über die ganze Schneedecke. In Wirklichkeit ist das Gefälle nicht konstant, und der Schwellenwert von 10 Grad pro Meter ist ein Faustwert, keine scharfe Grenze. Der Zusammenhang selbst, also dünnere Decke gleich steileres Gefälle, ist davon unberührt.
- Zum Anteil erfahrener Personen unter den Opfern liegen uns Einschätzungen der Warndienste vor, keine ausgezählte Statistik. Wir geben es deshalb als Beobachtung wieder und nicht als Quote.
Dieser Beitrag erklärt einen Mechanismus und ist keine Ausbildung. Die Beurteilung von Lawinengefahr im Gelände lernt man bei SLF und SAC.