Der Winter 2025/26 war in Europa der tödlichste seit acht Jahren. 146 Menschen starben in Lawinen, mehr als doppelt so viele wie im Vorwinter und rund 40 Prozent über dem Mittel der letzten zwanzig Jahre.
In der Schweiz sieht dieselbe Saison anders aus, und der Unterschied ist die eigentliche Geschichte. Denn hier stieg die Zahl der Lawinenunfälle massiv, die Zahl der Todesopfer aber kaum.
Die Kaskade
Das SLF erfasst nicht nur Todesopfer, sondern die ganze Kette: gemeldete Unfälle, erfasste Personen, Ganzverschüttungen, Tote. Bis zum 30. März 2026 sah sie so aus.
| Winter 2025/26 | Mittel 10 Jahre | |
|---|---|---|
| Lawinenunfälle | 171 | 124 |
| erfasste Personen | 244 | 182 |
| ganz verschüttet | 37 | 31 |
| Todesopfer | 15 | 14 |
Vier Zeilen, und in jeder wird der Abstand zum Mittel kleiner:
Das ist kein Rundungseffekt. Wären die 171 Unfälle mit derselben Sterblichkeit ausgegangen wie im Mittel der letzten zehn Jahre, hätte dieser Winter rund 21 Todesopfer gefordert statt 15.
Woran das liegen könnte, und was wir nicht wissen
Hier ist Vorsicht angebracht, weil die naheliegende Erklärung nicht die einzige ist.
Die schmeichelhafte Lesart: Ausrüstung und Rettung sind besser geworden. Airbags sind verbreitet, LVS-Geräte suchen schneller, und die Kameradenrettung ist besser eingeübt als vor zwanzig Jahren. Bei 37 Ganzverschüttungen und 15 Toten überlebte in diesem Winter deutlich mehr als die Hälfte der ganz Verschütteten. Der langjährige Schweizer Wert für Ganzverschüttete im freien Gelände liegt bei etwa 50 Prozent.
Die unbequeme Lesart: Ein Grossteil der zusätzlichen Unfälle waren kleinere Lawinen, die niemanden ganz verschütteten. Dann stieg nicht die Überlebensrate, sondern nur die Zahl der glimpflichen Ereignisse. Dafür spricht, dass die Ganzverschüttungen mit plus 19 Prozent deutlich schwächer zulegten als die Unfälle mit plus 38.
Wahrscheinlich stimmt beides ein Stück weit. Sauber trennen liesse sich das nur mit den Lawinengrössen je Unfall, und die stehen in der Zwischenbilanz nicht. Wir schreiben es lieber als offene Frage hin, als uns für die schönere Version zu entscheiden.
Über welchen Durchschnitt reden wir eigentlich
Beim Recherchieren stösst man auf Sätze wie «überdurchschnittlich viele Todesopfer» und «unter dem langjährigen Mittel», beide über denselben Winter. Beide sind richtig, weil sie verschiedene Mittelwerte meinen.
| Bezugsgrösse | Lawinentote pro Winter |
|---|---|
| Mittel seit 1936/37, 89 Winter | 24 |
| Höchstes je erreichtes 20-Jahres-Mittel | 31 |
| Aktuelles 20-Jahres-Mittel | 21 |
| Zehnjahresmittel bis Ende März | 14 |
| Winter 2025/26 bis 30. März | 15 |
Gegen das Zehnjahresmittel liegt dieser Winter leicht darüber. Gegen das 20-Jahres-Mittel liegt er ein Drittel darunter. Wer eine Schlagzeile bauen will, kann sich aussuchen, welche.
Die ehrliche Zusammenfassung lautet: Die Zahl der Lawinentoten in der Schweiz sinkt seit Jahrzehnten, von 24 im langjährigen Mittel über 31 im schlimmsten Zwanzigjahresfenster auf heute 21. Vor diesem Hintergrund ist 2025/26 ein normaler Winter mit einer auffällig hohen Zahl von Unfällen.
Zu den 15 Toten bis Ende März kamen über die Ostertage noch drei weitere in getrennten Unfällen. Für den ganzen Winter steht die Schweiz damit bei rund 18.
Europa: 146 Tote
Europaweit ist das Bild eindeutiger. Die Schweiz stellte 2025/26 nur einen kleinen Teil der Opfer.
Zahlen als Tabelle anzeigen
| Eintrag | Wert |
|---|---|
| Italien | 33 |
| Frankreich | 31 |
| Österreich | 29 |
| Schweiz | 15 |
| übrige (alle weiteren) | 19 |
Italien vor Frankreich vor Österreich, die Schweiz an vierter Stelle. Auffällig ist der italienische Wert: Dort hat das Tourengehen in den Südalpen in den letzten Jahren am stärksten zugelegt.
Im historischen Vergleich ordnet sich der Winter so ein:
Zahlen als Tabelle anzeigen
| Eintrag | Wert |
|---|---|
| 2009/10 | 194 |
| 2017/18 | 147 |
| 2020/21 | 131 |
| 2024/25 | 70 |
| 2025/26 | 146 |
Der Punkt, den man dabei nicht überlesen sollte: Der Rekord steht weiter bei 194 im Winter 2009/10. 146 ist sehr viel, aber es ist kein Höchstwert. Wer diesen Winter als schlimmsten aller Zeiten bezeichnet, rechnet nur ein Jahrzehnt zurück.
Was den Winter gefährlich machte
Die Ursache ist bei allen Lawinenwarndiensten dieselbe: eine tief vergrabene Schwachschicht aus kantigen Kristallen, im Fachjargon das Altschneeproblem.
Sie entstand Ende November und im Dezember. Auf eine dünne, früh gefallene Schneedecke folgte eine lange Hochdruckphase mit klaren, kalten Nächten. Zwischen dem Boden mit rund 0 Grad und der Oberfläche mit minus 5 bis minus 20 Grad baute sich ein Temperaturgefälle auf, und in diesem Gefälle wachsen grosse, schlecht verbundene Kristalle. Der Schnee, der später darauffiel, legte sich als Brett darüber.
«Diese Altschneeprobleme sind für Wintersportler extrem schwierig einzuschätzen, weil selbst Fachleute nicht bestimmen können, wo sich Schnee lösen könnte, da die Schwachschicht an der Oberfläche nicht sichtbar ist.»
Benjamin Zweifel, SLF
Das erklärt zwei Beobachtungen dieses Winters, die sonst widersprüchlich wirken.
Erstens: Vom 10. Januar bis zum 22. Februar wurden an jedem einzelnen Tag von Personen ausgelöste Lawinen gemeldet. Sechs Wochen ohne einen ruhigen Tag. Eine Schwachschicht ganz unten im Schneedeckenaufbau baut sich nicht ab, sie wartet.
Zweitens: Am 17. Februar galt Gefahrenstufe 5, die höchste Stufe, zum ersten Mal seit dem 28. Januar 2021. Zuvor waren zwischen dem 10. und 13. Februar 100 bis 150 Zentimeter Neuschnee im westlichen und nördlichen Wallis gefallen, zwischen dem 18. und 22. Februar noch einmal 90 bis 140.
Auffällig ist auch, wen es traf: einen grossen Anteil erfahrener Tourengänger und Freerider mit Ortskenntnis. Das passt zum Muster. Eine Schwachschicht, die man nicht sieht, entwertet genau die Erfahrung, auf die man sich sonst verlässt.
Wie so eine Schicht entsteht und warum sie monatelang bleibt, haben wir separat aufgeschrieben: das Altschneeproblem erklärt.
Was daraus folgt
Drei Gedanken, die über die Saisonbilanz hinausgehen.
Die Zahl der Toten ist ein schlechter Frühindikator. Sie schwankt stark, sie hängt an Zufällen wie Verschüttungstiefe und Gruppengrösse, und sie reagiert erst spät. Wer wissen will, wie gefährlich ein Winter war, schaut auf die Zahl der Unfälle und der Ganzverschüttungen. Dort stand 2025/26 klar über dem Mittel, während die Todeszahl fast unauffällig blieb.
Der langfristige Trend zeigt nach unten, obwohl viel mehr Leute unterwegs sind. Skitouren und Freeriden sind in fünfzehn Jahren deutlich populärer geworden, die Zahl der Todesopfer ist trotzdem gesunken. Das spricht dafür, dass Ausbildung, Ausrüstung und Bulletin tatsächlich wirken. Es ist eines der wenigen Felder im Bergsport, wo das so klar messbar ist.
Gefahrenstufe 3 bleibt der kritische Bereich. Rund die Hälfte aller Lawinentoten verunglückt bei «erheblich», nicht bei den seltenen Extremlagen. Warum das so ist und warum Stufe 3 nicht die Mitte der Skala ist, steht in unserem Beitrag zu den fünf Lawinenstufen.
Quellen und Vorbehalte
- SLF (WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung), Zwischenbilanz zum Winter 2025/26 bis 30. März 2026: 171 Unfälle, 244 erfasste Personen, 37 Ganzverschüttungen, 15 Todesopfer, gegenüber dem Zehnjahresmittel von 124, 182, 31 und 14. Zitat Benjamin Zweifel ebenda.
- SLF, langjährige Statistiken: Mittel seit 1936/37 24 Tote pro Winter, höchstes 20-Jahres-Mittel 31, aktuelles 20-Jahres-Mittel 21. Überlebensrate Ganzverschütteter im freien Gelände rund 50 Prozent.
- Europäische Zahlen: 146 Tote in der Saison 2025/26, Vorwinter 70, Zwanzigjahresmittel 104,35, Höchstwert 194 im Winter 2009/10. Länderaufteilung nach dem Stand vom 16. März 2026 (127 Tote): Italien 33, Frankreich 31, Österreich 29, Schweiz 15.
- Die Zwischenbilanz endet am 30. März, das hydrologische Jahr nicht. Drei weitere Todesopfer über Ostern sind in den 15 nicht enthalten. Vergleiche zwischen Ländern sind mit Vorsicht zu lesen, weil die Erfassungsgrenzen nicht überall gleich sind.
Dieser Beitrag ordnet Zahlen ein und ist keine Ausbildung. Wer im freien Gelände unterwegs ist, lernt das bei SLF und SAC, nicht in einem Magazinbeitrag.