Die Pistentour ist der meistunterschätzte Einstieg in den Skitourensport. Man braucht keine Lawinenbeurteilung, keine Routenwahl und kein Gelände lesen, weil die Route markiert und die Fläche gesichert ist. Man braucht Ausrüstung, Kondition und die Bereitschaft, bergauf zu gehen, wo alle anderen bergab fahren.
Genau daraus entsteht die Frage, die überraschend oft falsch beantwortet wird: Darf man das überhaupt?
Die kurze Antwort
In der Schweiz ist das Aufsteigen auf Pisten grundsätzlich erlaubt, solange man sich an fünf Regeln hält. Sie stammen gemeinsam von Seilbahnen Schweiz, dem Schweizer Alpen-Club und der Beratungsstelle für Unfallverhütung.
Das ist keine Selbstverständlichkeit. In Österreich und Italien ist die Lage je nach Gebiet und Region anders geregelt, teilweise mit Verboten. Wer über die Grenze fährt, sollte das nicht als gegeben annehmen.
Gleichzeitig gilt: Das Gebiet kann einschränken. Einzelne Pisten können für Aufsteigende gesperrt werden, es können Aufstiegsrouten vorgegeben und in manchen Fällen Gebühren erhoben werden. Die Grundregel lautet erlaubt, die Ausnahme heisst nicht überall.
Die fünf Regeln
Am Pistenrand aufsteigen, einzeln hintereinander. Nicht nebeneinander, nicht in der Fallinie, nicht in der Mitte. Wer bergab kommt, fährt schnell und rechnet nicht mit Gegenverkehr.
Sperrungen beachten, immer und überall. Eine gesperrte Piste ist auch für Aufsteigende gesperrt. Meist wird sie gerade präpariert oder es wird gesprengt.
Nicht ausserhalb der Betriebszeiten. Das ist die Regel, um die es unten geht, und die am häufigsten gebrochen wird.
Den Anweisungen des Personals folgen. Der Pistendienst weiss, wo gerade gearbeitet wird.
Auf Aufstiegsrouten bleiben, wo es welche gibt. Immer mehr Gebiete weisen sie aus, teils mit eigener Beschilderung.
Warum nachts kein Kavaliersdelikt ist
Hier wird aus einer Hausordnung ein Sicherheitsthema, und das ist der Teil, den man einmal gelesen haben sollte.
Nach Betriebsschluss beginnt die Präparierung. Steile Pisten werden dabei mit einer Seilwinde befahren: Das Pistenfahrzeug hängt an einem Stahlseil, das an einem Ankerpunkt weit oben befestigt ist und mehrere hundert Meter lang sein kann. Dieses Seil liegt oder schwebt über der Piste, es bewegt sich mit dem Fahrzeug, und es ist im Dunkeln praktisch nicht zu sehen.
Dazu kommt der zweite Punkt: Lawinensprengungen finden auch nachts statt. Die Sicherung eines Gebiets für den nächsten Morgen läuft, wenn niemand mehr da ist. Wer dann im Gelände steht, ist in einem Bereich unterwegs, den gerade jemand künstlich auslöst.
Und drittens: Ein Pistenfahrzeug ist laut, hat einen grossen toten Winkel und einen langen Bremsweg. Der Fahrer rechnet um zehn Uhr abends nicht mit Fussgängern.
Was die Pistentour trotzdem gut kann
Nach so viel Warnung die andere Seite, denn die Pistentour hat handfeste Vorteile, und sie sind der Grund, warum sie so populär geworden ist.
Sie trennt die zwei Lernaufgaben. Skitourengehen besteht aus einer körperlichen und einer beurteilenden Komponente. Auf der Piste kann man die erste lernen, ohne die zweite zu brauchen. Wer zum ersten Mal mit Fellen unterwegs ist, hat mit Spitzkehren, Aufstiegstempo und Bindungshandhabung genug zu tun.
Sie ist wetterunabhängig. Bei Gefahrenstufe 4 findet keine Skitour im freien Gelände statt, eine Pistentour schon.
Sie ist erreichbar. Viele Gebiete liegen eine knappe Bahnstunde von den grossen Städten entfernt; unsere Fahrzeitenlisten ab Zürich, Bern, Basel und Genf sind nach Fahrzeit sortiert. Ein Feierabendaufstieg ist damit realistisch, sofern er in die Betriebszeiten fällt.
Sie ist der Wettkampfsport. Was olympisch geworden ist, ist genau das: Skitourenrennen, im Kern ein Aufstieg auf gesichertem Gelände. Bei den Winterspielen 2026 gewann Marianne Fatton für die Schweiz Gold.
Und die Ausrüstung?
Auf der präparierten, offenen Piste innerhalb der Betriebszeiten braucht es keine Lawinenausrüstung, weil die Fläche gesichert ist. Das ist der einzige Fall im Tourensport, in dem dieser Satz stimmt.
Sobald man den Pistenrand verlässt, gilt er nicht mehr, und zwar sofort. Der Übergang ist an vielen Stellen ein einzelner Schritt, und er wechselt die Risikoklasse vollständig. Was dann dazugehört, steht in unserer Aufstellung zur Lawinenausrüstung.
Was hingegen auch auf der Piste dazugehört: Stirnlampe, warme Schicht für die Abfahrt, und die Kenntnis der Betriebszeiten des Gebiets. Der Aufstieg wärmt, die Abfahrt kühlt aus.
Quellen und Vorbehalte
- Seilbahnen Schweiz, SAC und BFU, gemeinsame Regeln für das Skitourengehen auf Pisten. Grundsätzlich erlaubt bei Beachtung der Regeln; Aufstieg am Pistenrand und einzeln hintereinander; kein Aufstieg und keine Abfahrt ausserhalb der Betriebszeiten; Sperrungen sind immer zu beachten; einzelne Gebiete können Pisten sperren, Aufstiegsrouten vorgeben oder Gebühren erheben.
- FIS-Regeln für das Verhalten auf Pisten, insbesondere zum Aufstieg am Rand.
- Zur Gefährdung nach Betriebsschluss: Präparierung mit Seilwinden, deren Stahlseile mehrere hundert Meter lang und kaum sichtbar sind, sowie künstliche Lawinenauslösung auch nachts.
- Die Regelung unterscheidet sich zwischen der Schweiz, Österreich und Italien erheblich. Dieser Beitrag beschreibt die Schweizer Lage.
- Ob ein bestimmtes Gebiet Aufstiegsrouten ausweist, Gebühren verlangt oder einzelne Pisten sperrt, legt das Gebiet selbst fest und ändert sich von Saison zu Saison. Ein zentrales Verzeichnis dafür gibt es nicht; massgeblich ist die Auskunft des Gebiets.
Dieser Beitrag beschreibt Regeln und Gefahren des Aufstiegs auf Pisten. Er ist keine Tourenausbildung. Für das freie Gelände braucht es einen Kurs bei SLF und SAC.