Es ist die einzige olympische Sportart, die man an einem beliebigen Dienstagabend selbst ausüben kann, ohne eine Anlage zu buchen: bergauf gehen auf Skiern.
Bei den Winterspielen 2026 in Milano Cortina stand Skitourenrennen zum ersten Mal im olympischen Programm, international unter dem Namen Ski Mountaineering, kurz Skimo. Und der Auftakt ging so gut aus, wie er für die Schweiz nur ausgehen konnte.
Was passiert ist
Zwei Medaillen aus zwei Entscheiden, an denen die Schweiz beteiligt war. Angeführt von Rémi Bonnet sicherte sich die Schweiz zudem erneut den Sieg in der Nationenwertung des Weltcups.
Dass ausgerechnet die Schweiz hier vorne steht, ist kein Zufall. Skitourenrennen ist in den Alpenländern gross geworden, und die Schweiz hat mit ihren Vertikalrennen und einer aktiven Szene rund um den SAC eine der tiefsten Nachwuchsbasen.
Was der Sport ist
Der olympische Sprint dauert wenige Minuten und enthält in kompakter Form alles, was eine Skitour ausmacht:
- Aufstieg mit Fellen, so schnell wie möglich.
- Abfellen unter Zeitdruck, ein Handgriff, der über Sekunden entscheidet.
- Ein Abschnitt mit den Skiern am Rucksack, zu Fuss gehend.
- Abfahrt ohne Felle bis ins Ziel.
Wer schon einmal am Umkehrpunkt einer Tour mit klammen Fingern Felle abgezogen hat, kennt jeden dieser Schritte. Der Unterschied ist das Tempo und das Material: Wettkampfski wiegen unter einem Kilo, die Schuhe sind Kohlefaserschalen, und die gesamte Ausrüstung ist auf Gewicht statt auf Abfahrtsleistung gebaut.
Der Unterschied zur Skitour, den man kennen sollte
Hier ist die Stelle, an der ein Missverständnis entstehen kann, und es ist eines mit Folgen.
Ein Skitourenrennen findet auf gesichertem oder ausgewähltem Gelände statt. Die Strecke ist gesteckt, kontrolliert, im Zweifel gesperrt oder verlegt. Die Athleten treffen unterwegs keine Entscheidung darüber, ob ein Hang hält, weil diese Entscheidung vorher von der Rennleitung getroffen wurde.
Eine gewöhnliche Skitour im freien Gelände ist das Gegenteil davon. Dort trifft jede Gruppe diese Entscheidung selbst, ohne Rennleitung und ohne markierte Spur. Der vergangene Winter hat in Europa 146 Menschen das Leben gekostet, ein grosser Teil davon erfahrene Tourengänger.
Der olympische Sport zeigt also die körperliche Hälfte der Skitour in Reinform und lässt die beurteilende Hälfte weg. Das ist keine Kritik an ihm, sondern die Beschreibung dessen, was ein Wettkampf ist. Nur sollte niemand vom einen auf das andere schliessen.
Wer den Wettkampfteil ohne den Risikoteil haben will, findet ihn übrigens genau so: als Pistentour auf präparierter, offener Piste. Das ist im Kern die olympische Disziplin, und was dabei gilt, steht in unserem Beitrag dazu.
Warum das ausgerechnet jetzt olympisch wurde
Skitourenrennen ist keine neue Sportart. Die internationale Föderation existiert seit Anfang der 2000er, Weltmeisterschaften gibt es seit Jahrzehnten. Die Aufnahme ins olympische Programm hat mehrere Gründe, und einer davon ist derselbe, aus dem gerade auch Freeride für 2030 aufgenommen wurde: Der Sport braucht keine Anlage.
Ein Skitourenrennen findet auf einem Hang statt. Es braucht keine Bobbahn, keine Sprungschanze und keine Eisschnelllaufhalle, also keines der Bauwerke, die nach den Spielen als teure Ruinen zurückbleiben. Für ein IOC, das seit Jahren ein Nachhaltigkeitsproblem in seiner Bilanz hat, ist das ein starkes Argument.
Dazu kommt das Wachstum. Skitourengehen ist die am schnellsten wachsende Wintersportart im Alpenraum, und zwar nicht als Wettkampf, sondern als Breitensport. Der olympische Auftritt ist die Spitze davon, nicht der Grund dafür.
Was daraus folgen dürfte
Ein olympisches Gold in einer Sportart, die man mit gemieteter Ausrüstung an einem Feierabend ausprobieren kann, wirkt anders als eines im Skeleton.
Damit ist mit mehr Menschen zu rechnen, die es probieren, und das ist grundsätzlich eine gute Nachricht. Der Sport ist gesund, günstig im Vergleich zum Liftskifahren und in der Pistenvariante praktisch gefahrlos.
Die Bedingung dafür steht in unserem Einstiegsbeitrag und lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Der Weg führt über die Piste und über einen Kurs, bevor er ins freie Gelände führt. Wer diese Reihenfolge einhält, betreibt einen der sichersten Bergsportarten überhaupt. Wer sie überspringt, landet in der Statistik, die wir in diesem Bereich sonst auswerten.
Quellen und Vorbehalte
- Schweizer Alpen-Club SAC, Berichte zum Olympiadebüt von Ski Mountaineering bei den Winterspielen Milano Cortina 2026: Gold für Marianne Fatton im Sprint, Silber für Marianne Fatton und Jon Kistler in der Mixed-Staffel hinter Frankreich. Sieg der Schweiz in der Nationenwertung, angeführt von Rémi Bonnet.
- Ablauf des Sprints nach der Beschreibung des SAC: Aufstieg mit Fellen, Tragepassage mit Ski am Rucksack, Abfahrt ohne Felle.
- Die Einordnung zu den Gründen der olympischen Aufnahme, insbesondere zum fehlenden Anlagenbedarf, ist unsere Darstellung und stützt sich auf die Argumentation, die das IOC auch bei der Aufnahme von Freeride für 2030 angeführt hat.
- Angaben zu Gewicht und Bauart der Wettkampfausrüstung sind Grössenordnungen aus dem Wettkampfsport, keine Herstellerangaben.
Dieser Beitrag berichtet über einen Wettkampf. Für Skitouren im freien Gelände braucht es eine Ausbildung bei SLF und SAC; ein Rennen auf gesteckter Strecke ist dafür kein Massstab.