Während in den Alpen der Sommerski wegen Hitze stillsteht, hat auf der anderen Seite der Welt ein Sturm gewütet, wie ihn die Anden seit Jahrzehnten nicht gesehen haben. Zwischen dem 15. und 23. Juli 2026 fielen im chilenischen Skigebiet Portillo rund fünf Meter Schnee – ungefähr so viel, wie dort sonst in einer ganzen Saison zusammenkommt.
Wer nur die Schneezahlen liest, bekommt ein falsches Bild. Derselbe Wettervorgang hat weiter unten im Tal Menschenleben gekostet.
Was passiert ist
Ausgelöst wurde das Ereignis von einem atmosphärischen Fluss, einem schmalen Band sehr feuchter Luft, das ab dem 15. Juli über Wochen hinweg Feuchtigkeit vom Pazifik gegen die Anden schob. In der Höhe fiel das als Schnee, in mittleren und tiefen Lagen als aussergewöhnlich ergiebiger Regen.
Die Bilanz, die chilenische Behörden und Medien Ende Juli zogen:
- 13 Todesopfer, vier Personen wurden weiterhin vermisst
- über 100 000 Menschen vorübergehend von der Aussenwelt abgeschnitten
- mehr als 1100 Häuser zerstört oder schwer beschädigt, rund 2200 weitere Gebäude beschädigt
- in Teilen der Hauptstadt Santiago fiel annähernd die Hälfte des durchschnittlichen Jahresniederschlags in wenigen Tagen
- die Regierung rief für mehrere Regionen den Ausnahmezustand aus
Der Grenzpass Cristo Redentor zwischen Santiago und Mendoza blieb tagelang geschlossen; auf argentinischer Seite steckten rund 100 Lastwagen fest. Aus Bergorten wie Polvaredas, Los Penitentes und Puente del Inca wurden knapp 100 Menschen evakuiert.
Was das mit den Skigebieten machte
Eine Zahl fasst das Ereignis zusammen: In gut einer Woche fiel in Portillo fast so viel Schnee wie dort sonst in einem ganzen Winter.
Portillo schloss mitten im besten Winter freiwillig. Die Zufahrtsstrassen waren zu, tagelang kam und ging niemand. Das Gebiet meldete für den 15. bis 23. Juli rund fünf Meter Neuschnee und kam bis Ende Juli auf gut sechs Meter Saisonsumme. Auf der Plateau-Abfahrt lagen danach 270 cm, beim Hotel 229 cm.
Weiter südlich lief es geordneter:
- Valle Nevado meldete rund 157 cm in einer Woche und hatte Ende Juli alle 13 Anlagen sowie 44 von 45 Abfahrten offen.
- Corralco kam auf 205 cm am Gipfel und 115 cm an der Basis.
- Nevados de Chillán startete am 18. Juli in den Hauptbetrieb und ergänzte Ende Juli Nachtskifahren.
Auf der argentinischen Seite fiel deutlich weniger, aber genug für einen soliden Winter. Las Leñas meldete Ende Juli 80 cm an der Basis, 1,20 m auf mittlerer Höhe und 2,30 m am Gipfel und öffnete zusätzliches Gelände über den Caris-Sessel. Cerro Catedral bei Bariloche bekam 30 bis 40 cm in den oberen Sektoren, Cerro Bayo öffnete Mittel- und Obergebiet, die Zufahrt war nur mit Ketten möglich.
Warum viel Schnee und Katastrophe zusammengehören
Das wirkt widersprüchlich, ist es aber nicht. Entscheidend ist die Schneefallgrenze. Ein atmosphärischer Fluss bringt riesige Wassermengen und dazu vergleichsweise milde Luft. Oberhalb von etwa 2500 Metern fällt das als Schnee und stapelt sich zu Rekordwerten. Darunter fällt dasselbe Wasser als Regen – und trifft auf Hänge, die schon eine ältere Schneedecke tragen.
Regen auf Schnee ist die ungünstigste Kombination, die es gibt: Das Wasser läuft nicht nur ab, es schmilzt zusätzlich Schnee heraus. Der Abfluss steigt schlagartig, Hänge werden instabil, Murgänge kommen ins Rutschen. Genau dieses Muster hat die Täler getroffen, während oben die Rekorde purzelten.
Einordnung
Nach Volumen dürfte es der grösste Sturmzyklus der Region seit über einem halben Jahrhundert gewesen sein. Ob er sich klimatisch einordnen lässt, ist eine andere Frage: Einzelne Extremereignisse sind kein Klimatrend, und ein schneereicher Winter widerlegt die Erwärmung genauso wenig, wie ein heisser Alpensommer sie allein beweist. Was gut belegt ist: Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf transportieren, weshalb Niederschlagsextreme in beide Richtungen intensiver ausfallen. Mehr dazu in unserem Erklärstück Wetter oder Klima.
Für die kommenden Monate kommt ein zweiter Faktor dazu: Die US-Wetterbehörde NOAA führt seit Juni 2026 eine El-Niño-Warnung. Was das für den Alpenwinter heisst, steht in El Niño und der Winter 2026/27.
Quellen: Ski Portillo und Valle Nevado (Schneemeldungen), The Ski Guru (Lagebericht Anden, 30. Juli 2026), SnowBrains (Bilanz Unwetter Chile, 24. Juli 2026), snow-forecast.com (Sturmsummen). Angaben zu Opfern und Schäden nach Stand Ende Juli 2026; sie können sich nachträglich ändern.