Das Schweizer Lawinenbulletin erscheint täglich um 17 Uhr, im Hochwinter zusätzlich um 8 Uhr am Morgen. Es ist kostenlos, es ist eines der besten der Welt, und es wird von den meisten Menschen falsch benutzt: Sie öffnen es, sehen eine Zahl und eine Farbe, und schliessen es wieder.

Damit haben sie den unwichtigsten Teil gelesen.

Warum die Stufe allein nichts nützt

  1. 1 gering
  2. 2 mässig
  3. 3 erheblich
  4. 4 gross
  5. 5 sehr gross
Die fünf Stufen der europäischen Gefahrenskala. Sie beschreiben eine Region, nicht einen Hang, und sie sagen nichts darüber, wo im Gelände die Gefahr liegt. EAWS, europäische Lawinengefahrenskala.

Eine Gefahrenstufe gilt für eine ganze Warnregion, also für ein Gebiet von der Grösse eines Tals oder grösser. Innerhalb dieser Region gibt es Hänge, an denen an diesem Tag praktisch nichts passieren kann, und Hänge, die kritisch sind. Die Stufe sagt, wie viel es davon gibt, nicht wo.

Genau das steht in den Angaben darunter. Sie sind der eigentliche Inhalt des Bulletins, und sie kosten keine zwei Minuten mehr.

Die vier Angaben, auf die es ankommt

Das Lawinenproblem

Die europäischen Lawinenwarndienste unterscheiden fünf typische Probleme, und sie verhalten sich völlig verschieden. Das ist die wichtigste Angabe im ganzen Bulletin, weil sie bestimmt, was man überhaupt beobachten kann.

ProblemVerhaltenErkennbar
Neuschneebaut sich in Tagen abja, an der Menge
Triebschneebaut sich in Tagen bis Wochen abja, an Wind und Ablagerungen
Altschneebleibt Wochen bis Monatenein
Nassschneetageszeitabhängig, nachts besserja, an Temperatur und Schnee
Gleitschneeim Zeitpunkt unberechenbarja, an Rissen im Hang

Dasselbe «erheblich» bedeutet bei Triebschnee und bei Altschnee etwas ganz Verschiedenes. Beim Triebschnee weiss man, wo man suchen muss, und kann die betroffenen Hänge meiden. Beim Altschneeproblem geht das nicht, weil es an der Oberfläche keine Zeichen gibt.

Die Expositionsrose

Ein Kreis mit den Himmelsrichtungen, in dem die kritischen Sektoren eingefärbt sind. Er beantwortet die Frage, in welche Richtung die gefährlichen Hänge schauen.

Das ist keine Nebensache, sondern oft die Hälfte der Information. Steht die Rose auf Nord bis Ost, sind Südhänge an diesem Tag eine andere Welt, und umgekehrt.

Die Höhengrenze

Fast immer steht im Bulletin eine Höhe, oberhalb oder unterhalb derer die Angabe gilt. «Oberhalb 2200 m» heisst, dass darunter eine andere, meist geringere Gefahr herrscht.

Zusammen mit der Rose ergibt das eine erstaunlich konkrete Aussage: nicht «heute ist es gefährlich», sondern «kritisch sind Nord- bis Osthänge oberhalb 2200 Meter».

Der Zeitpunkt

Das Bulletin von 17 Uhr gilt für den nächsten Tag. Wenn über Nacht Neuschnee fällt oder es unerwartet warm wird, ist es am Morgen überholt. Deshalb gibt es im Hochwinter die Ausgabe um 8 Uhr, und deshalb ist die Frage «wann wurde das geschrieben» keine Formalität.

Bei Nassschnee kommt dazu, dass die Gefahr im Tagesverlauf steigt. Eine Angabe, die für den Vormittag stimmt, kann am Nachmittag falsch sein.

Die Schweizer Zwischenstufen

Seit dem Winter 2022/23 gibt das SLF ab Stufe 2 zusätzlich an, wo innerhalb der Stufe man steht: 3− am unteren Rand, 3= in der Mitte, 3+ am oberen. Das gilt nur für trockene Lawinen und gibt es bislang nur in der Schweiz.

Der Grund ist, dass Stufe 3 ein sehr breites Band abdeckt. Zwischen 3− und 3+ liegt praktisch der Abstand einer ganzen Stufe. Mehr dazu steht in unserem Beitrag zu den fünf Lawinenstufen, samt der Zahl, die zeigt, warum ausgerechnet Stufe 3 die meisten Opfer fordert.

Die Reihenfolge

Wer das Bulletin so liest, hat in zwei Minuten mehr davon als in zehn Sekunden auf der Farbe:

  1. Welches Problem? Das bestimmt alles Weitere.
  2. Welche Exposition und ab welcher Höhe? Das macht daraus eine Aussage über Gelände.
  3. Welche Stufe, und mit welcher Zwischenstufe? Jetzt hat die Zahl einen Zusammenhang.
  4. Wann geschrieben, und was hat sich seither geändert? Neuschnee, Wind, Wärme.
  5. Den Text lesen. Die Prosa unter den Symbolen ist der Teil, in dem die Prognostiker sagen, was sie unsicher finden.

Punkt fünf wird am häufigsten übersprungen und ist der ehrlichste Teil des ganzen Dokuments. Dort stehen Sätze wie «die Gefahrenstellen sind schwer zu erkennen» oder «einzelne Lawinen können gross werden». Das sind keine Floskeln, sondern die Einschätzung der Unsicherheit durch die Leute, die es geschrieben haben.

Was das Bulletin nicht leistet

Es beurteilt keinen einzelnen Hang. Es kann es nicht, und es behauptet es auch nirgends. Zwischen der Aussage «kritisch sind Nordhänge oberhalb 2200 Meter» und der Entscheidung, ob dieser eine Hang jetzt hält, liegt der gesamte Teil, der eine Ausbildung braucht.

Und es ersetzt die Beobachtung nicht. Es entsteht aus Messstationen, Beobachtermeldungen und Modellen, mit einer räumlichen Auflösung, die gröber ist als jedes Gelände, in dem man tatsächlich steht.

Das Bulletin ist eine sehr gute Ausgangslage. Es ist keine Entscheidung.

Quellen und Vorbehalte

  • SLF, Lawinenbulletin: Ausgabe täglich um 17 Uhr für den Folgetag, im Hochwinter zusätzlich um 8 Uhr. Aufbau aus Gefahrenstufe, Lawinenproblem, Expositionsrose, Höhenangabe und Textteil.
  • SLF, Unterteilung der Gefahrenstufen, eingeführt zum Winter 2022/23, ab Stufe 2 und nur für trockene Lawinen. Nach unserem Stand im August 2026 nur in der Schweiz in Betrieb.
  • EAWS (European Avalanche Warning Services), gemeinsame Gefahrenskala und die fünf typischen Lawinenprobleme: Neuschnee, Triebschnee, Altschnee, Nassschnee, Gleitschnee.
  • Die Angaben zu Abbauverhalten und Erkennbarkeit der einzelnen Probleme fassen die gängige Darstellung der Warndienste zusammen. Sie sind eine Orientierung und keine Regel, nach der sich einzelne Hänge beurteilen lassen.

Dieser Beitrag erklärt den Aufbau eines Dokuments. Er ist keine Ausbildung und ersetzt keinen Lawinenkurs; die Übersetzung vom Bulletin ins Gelände lernt man bei SLF und SAC.