Der Hitzesommer 2026 hat in den Alpen eine Reihe von Sperrungen und Absagen ausgelöst, die in dieser Dichte selten sind. Der Überblick, mit dem Stand vom 13. August, und mit einer Unterscheidung, die in den Meldungen oft untergeht: Gesperrt und abgeraten ist nicht dasselbe.
Mont Blanc: Normalweg faktisch dicht
Am französischen Normalweg auf den Mont Blanc sind die Tête-Rousse-Hütte und die Goûter-Hütte auf unbestimmte Zeit geschlossen. Beide sind für den Aufstieg über die Route unverzichtbar; ohne sie ist sie für Normalsterbliche nicht machbar.
Der Grund ist das Grand Couloir du Goûter, eine Steinschlagrinne, die seit jeher der gefährlichste Abschnitt der Route war und deren Zustand sich mit den Hitzewellen der letzten Wochen weiter verschlechtert hat. Die Gemeinde Saint-Gervais-les-Bains hat bereits gebuchte Besteigungen absagen lassen. Auf der italienischen Seite hatten die Bergführer ihre Gipfeltouren schon vorher eingestellt.
Matterhorn: abgesagt, aber nicht gesperrt
In Zermatt hat das Bergführerbüro alle Matterhorn-Touren bis auf Weiteres abgesagt. Auslöser waren Steinschlagereignisse am Hörnligrat, bei denen mehrere Seilschaften getroffen wurden; in einem Fall musste ein Bergführer mit dem Helikopter ausgeflogen werden. Auf der italienischen Südseite hatten die Führer nach einem grösseren Abbruch bereits vorher gestoppt.
Der Unterschied zum Mont Blanc ist wichtig: Der Hörnligrat ist nicht gesperrt. Die Zermatter Bergführer lehnen Routensperrungen grundsätzlich ab, und in der Schweiz ist so etwas erst einmal vorgekommen, 2003 nach einem Felsausbruch, damals für wenige Tage.
Wer trotzdem geht, tut das also legal und auf eigene Verantwortung. Genau das ist der Streitpunkt: Ohne Führer steigen weiterhin Leute auf, teils mit wenig Erfahrung, und lösen dabei Steine auf die aus, die unter ihnen sind.
Oeschinensee: 1500 Kubikmeter, Südufer weiter zu
Am Samstag, 8. August, kurz nach 13.30 Uhr löste sich am Spitzen Stein über dem Oeschinensee bei Kandersteg ein Block von rund 1500 Kubikmetern. Videos zeigten Wanderer, die vom Seeufer wegrannten.
Bemerkenswert ist weniger der Sturz als das, was davor stand: Der Block war in der Lagebeurteilung des Vortags angekündigt worden. Er hatte sich zuletzt mit rund sechs Zentimetern pro Tag bewegt, während die Flanke insgesamt mit rund einem Zentimeter pro Tag kriecht.
Wohngebiete waren nach Einschätzung der Gemeinde nicht gefährdet. Der Uferbereich im Süden bleibt bis auf Weiteres gesperrt, ebenso der Abschnitt oberhalb des Bärentritts. Die Sperrzone ist auf Abbrüche bis 200’000 Kubikmeter ausgelegt, also auf das Hundertfache dessen, was am 8. August herunterkam.
Der Spitze Stein wird seit 2018 überwacht. Im August 2022 kamen an derselben Flanke rund 10’000 Kubikmeter herunter. Diese Zahl geistert derzeit in Meldungen zum aktuellen Ereignis herum, gehört aber zu 2022.
Zwei Routen über Schweizer Skigebieten verlegt
Weniger beachtet, für uns aber näher dran: Zwei klassische Hochtouren mussten wegen Steinschlags neu geführt werden, beide über Gebieten aus unserem Datensatz.
- Am Piz Palü über der Diavolezza wurde der Normalweg nach Westen verlegt.
- Am Lagginhorn über Saas-Grund wurde die Route geändert, um Abbruchzonen zu umgehen.
Dazu die Gletscher
Die Sommerskigebiete hat es schon vorher getroffen. Zermatt stellte den Sommerbetrieb Ende Juli ein, weil Schmelzwasser die Stabilität der Bahnmasten auf dem Plateau Rosa gefährdete. Saas-Fee folgte am 10. August. Die Nullgradgrenze lag zeitweise knapp unter 5000 Metern, und weil es auch nachts kaum fror, verschlechterte sich die Lage auf dem Theodulgletscher schnell.
Warum das alles gleichzeitig passiert
Der gemeinsame Nenner ist auftauender Permafrost, also gefrorener Untergrund, dessen Eis die Klüfte im Fels sowohl zusammenklebt als auch abdichtet. Fällt es weg, verliert der Fels Halt und wird gleichzeitig wasserdurchlässig, und eindringendes Wasser wirkt wie ein Keil.
Die Zahlen dazu sind eindeutig: In zehn Metern Tiefe hat sich der Schweizer Permafrost seit 2014 um über 0,8 Grad erwärmt, und am Schilthorn ist die Auftauschicht im Winter 2024 zum ersten Mal an einem Messstandort nicht mehr durchgefroren.
Was dabei oft zu kurz kommt: Die Ereignisse hinken der Erwärmung hinterher, weil Wärme Jahre braucht, um in den Fels einzudringen. Der Felssturz von heute gehört zur Erwärmung von vorgestern. Und nicht jeder Abbruch ist Permafrost: Beim Bergsturz von Blatten im Mai 2025 lag die Ausbruchstelle über 500 Meter oberhalb der Permafrostgrenze. Das Skigebiet Lauchernalp im selben Tal ist nach Auskunft der Bergbahnen weder in der Erreichbarkeit noch im Betrieb betroffen.
Die ganze Erklärung mit den Messreihen steht in unserem Beitrag Warum die Berge bröckeln: Permafrost, erklärt.
Quellen
- Gemeinde Kandersteg, Lagebeurteilungen Spitze Stei, 7. und 8. August 2026.
- Mitteilungen der Bergführerbüros Zermatt und Courmayeur, Gemeinde Saint-Gervais-les-Bains.
- Deutscher Alpenverein zu den Auswirkungen des Hitzesommers 2026 auf den Bergsport, mit den Routenverlegungen an Piz Palü und Lagginhorn.
- PERMOS, Swiss Permafrost Monitoring Network, Auswertung 2025.
- Zur Einstellung des Sommerskibetriebs siehe unsere Meldungen zu Zermatt und Saas-Fee.
Stand 13. August 2026. Sperrungen ändern sich schnell; verbindlich ist immer die Angabe der Gemeinde, der Hütte oder des Bergführerbüros.