Diesen Sommer liest man dieselbe Meldung in immer neuer Besetzung. Der Normalweg auf den Mont Blanc ist dicht, die Zermatter Bergführer haben alle Matterhorn-Touren abgesagt, am Oeschinensee stürzt ein Felsblock ins Tal und Touristen rennen weg. Dazu Routen, die verlegt werden mussten: am Piz Palü über der Diavolezza, am Lagginhorn über Saas-Grund.
In fast jeder dieser Meldungen fällt dasselbe Wort, meist in einem Nebensatz: Permafrost. Selten steht dabei, was das eigentlich ist und warum sein Auftauen einen Berg auseinandernimmt.
Das ist der Versuch einer Erklärung, mit den Zahlen, die es dazu gibt. Und mit dem Teil, der in den Meldungen meistens fehlt: Nicht jeder Felssturz ist Permafrost.
Was Permafrost ist
Permafrost ist kein Eis und kein Boden, sondern ein Temperaturzustand. Definiert ist er über die Dauer: Untergrund, der mindestens zwei Jahre in Folge nicht über null Grad steigt.
Das kann Lockermaterial sein, meistens ist es in den Alpen aber Fels. In dessen Klüften und Rissen sitzt Eis. Dieses Eis ist das Thema.
In den Schweizer Alpen liegt die Untergrenze grob zwischen 2400 und 2700 Metern, je nach Ausrichtung. Nordhänge sind kälter, dort reicht der Permafrost tiefer hinunter; Südhänge brauchen mehr Höhe. Rund fünf Prozent der Landesfläche gelten als Permafrostgebiet, und ein guter Teil davon liegt genau dort, wo Bergsteiger unterwegs sind und wo Bergbahnen ihre Stützen verankert haben.
Warum das Eis den Berg zusammenhält
Ein Felsgipfel ist kein Monolith. Er ist ein Haufen Blöcke, durchzogen von Klüften. Was ihn zusammenhält, ist teils die Reibung der Blöcke aneinander, teils das Eis dazwischen. Das Eis tut dabei zwei verschiedene Dinge, und das ist der Punkt, den man verstanden haben muss:
Erstens klebt es. Eis in einer Kluft hat eine messbare Scherfestigkeit. Es hält den Block über der Kluft an seinem Platz, wie ein Leim, der bei Kälte fest ist.
Zweitens dichtet es. Eine eisgefüllte Kluft ist wasserdicht. Regen und Schmelzwasser laufen aussen ab, statt in den Berg einzudringen.
Taut das Eis, fällt beides gleichzeitig weg. Der Leim geht, und der Berg wird durchlässig. Das zweite ist oft das gefährlichere: Wasser, das in eine Kluft eindringt und nicht abfliessen kann, erzeugt Druck. Dieser Kluftwasserdruck arbeitet wie ein Keil und kann Blöcke aushebeln, die vorher jahrhundertelang gehalten haben.
Die Gemeinde Kandersteg formuliert das für den Spitzen Stein über dem Oeschinensee genau so:
Fortschreitende Permafrostdegradation, welche die Wasserdurchlässigkeit im Fels erhöht, dürfte ein wichtiger Grund für die Destabilisierung der Bergflanke sein.
Nicht der fehlende Leim steht dort an erster Stelle, sondern die Durchlässigkeit.
Was gemessen wird, und was dabei herauskommt
Die Schweiz beobachtet ihren Permafrost seit rund 25 Jahren koordiniert, über das Netz PERMOS mit 23 Bohrlochstandorten. Gemessen werden Temperaturen in verschiedenen Tiefen, die Mächtigkeit der Auftauschicht und die Geschwindigkeit der Blockgletscher.
Das hydrologische Jahr 2024, also Oktober 2023 bis September 2024, brachte an praktisch allen Standorten neue Rekordwerte.
Zwei weitere Befunde sind konkreter als jede Temperaturkurve:
Die Auftauschicht wächst. Das ist die oberste Schicht, die im Sommer taut und im Winter wieder durchfriert. In den letzten zwei Jahrzehnten ist sie je nach Standort und Eisgehalt um einige Dezimeter bis mehrere Meter mächtiger geworden.
Am Schilthorn ist sie im Winter 2024 zum ersten Mal an einem PERMOS-Standort nicht mehr durchgefroren. Das ist die Meldung, an der man die Sache festmachen kann. Der Winter hat nicht mehr gereicht, um rückgängig zu machen, was der Sommer aufgetaut hatte. Wer im Winter auf dem Schilthorn steht, steht über Boden, der nicht mehr vollständig zufriert.
Die Blockgletscher beschleunigen. Ein Blockgletscher ist ein eisdurchsetzter Schuttkörper, der langsam hangabwärts kriecht. Anfang der 1990er-Jahre bewegten sie sich um einige Dezimeter pro Jahr. 2024 waren es mehrere Meter pro Jahr. Das ist keine Verdoppelung, das ist eine Grössenordnung.
Warum die Gefahr der Erwärmung hinterherhinkt
Hier liegt der Teil, der am wenigsten verstanden wird und der die Sache so unangenehm macht.
Wärme braucht Zeit, um in Fels einzudringen. Die 0,8 Grad in zehn Metern Tiefe sind das Ergebnis der Sommer der letzten zehn Jahre, nicht des letzten. In zwanzig Metern ist erst die Hälfte davon angekommen. Und Ablösungen passieren oft nicht in der obersten, sofort reagierenden Schicht, sondern entlang tiefer Kluftflächen, die jetzt erst warm werden.
Daraus folgen drei Dinge:
- Der Felssturz von heute gehört zur Erwärmung von vorgestern. Was diesen Sommer abbricht, wurde nicht diesen Sommer destabilisiert.
- Ein kühler Sommer beendet nichts. Die Wärme ist bereits im Berg und wandert weiter nach unten, unabhängig vom aktuellen Wetter.
- Es wird zunehmen, selbst wenn die Erwärmung morgen stoppte. Die schon eingelagerte Wärme muss erst ankommen.
Gleichzeitig wirkt die aktuelle Hitze sofort, über einen zweiten Weg: Sie taut die Auftauschicht tiefer auf und liefert Schmelzwasser, das in die Klüfte läuft. Deshalb häufen sich die Ereignisse in Hitzewellen, obwohl die eigentliche Ursache Jahre zurückliegt. Der langsame Prozess lädt die Waffe, die Hitzewelle drückt ab.
Wo das die Skigebiete trifft
Für ein Skigebiet ist Permafrost kein abstraktes Thema, sondern ein Fundamentproblem. Bergstationen, Stützen und Verankerungen stehen in Höhen, in denen der Untergrund gefroren sein sollte. Ist er es nicht mehr, verliert die Verankerung ihre Tragfähigkeit, und der Untergrund kann kriechen.
Diesen Sommer war das in Zermatt zu besichtigen: Das Sommerskigebiet auf dem Theodulgletscher machte Ende Juli dicht, weil Schmelzwasser die Stabilität der Masten auf dem Plateau Rosa gefährdete. Nicht die Piste war das Problem, sondern das, worin die Anlage steckt.
Zwei weitere Berührungspunkte aus diesem Sommer liegen direkt über Skigebieten: Am Piz Palü über der Diavolezza musste der Normalweg nach Westen verlegt werden, am Lagginhorn über Saas-Grund ebenfalls, um Steinschlagzonen zu umgehen.
Und jetzt der Vorbehalt
Es wäre bequem, jeden Felssturz in den Alpen als Permafrostfolge zu verbuchen. Das wäre falsch, und der grösste Schweizer Fall der letzten Jahre zeigt warum.
Beim Bergsturz von Blatten im Mai 2025 wurde das Dorf im Lötschental von einer Schutt- und Eislawine weitgehend zerstört. Ausgelöst wurde die Kette von Abbrüchen am Kleinen Nesthorn. Diese Steilwand liegt aber über 500 Meter oberhalb der Permafrostgrenze und schaut nach Norden. Wie stark Permafrostauftauen dort überhaupt eine Rolle spielte, ist bis heute nicht geklärt.
Ein Hinweis zum Skigebiet im selben Tal, weil danach gefragt wird: Die Lauchernalp liegt talabwärts von Blatten, und die Bergbahnen stellen auf Nachfrage klar, dass Erreichbarkeit und Skibetrieb nicht betroffen sind und es nie waren.
Ähnlich beim Oeschinensee: Der Spitze Stein bewegt sich seit 2018 unter Beobachtung, und das Ereignis vom 8. August 2026 war mit rund 1500 Kubikmetern klein. Zum Vergleich: Im August 2022 kamen an derselben Flanke rund 10’000 Kubikmeter herunter, und die Sperrzone ist auf Abbrüche bis 200’000 Kubikmeter ausgelegt. Der Berg macht das nicht seit diesem Sommer.
Was stimmt, ist der Trend. Was nicht stimmt, ist die Kurzschlussformel «Steinschlag, also Permafrost, also Klimawandel» für jeden Einzelfall. Berge haben immer Steine verloren. Neu ist die Häufung, die Höhenlage und die Grösse, und neu ist, dass Wände betroffen sind, die als verlässlich galten.
Was das praktisch heisst
Für Bergsteiger hat sich die Faustregel verschoben: Die kalte Frühsaison wird wichtiger, der Hochsommer unbrauchbarer. Klassische Hochtouren, die früher im Juli und August gingen, verlagern sich in den Juni oder in den Herbst nach dem ersten Kälteeinbruch.
Für Wanderer bleibt das Risiko klein, aber nicht null, und es konzentriert sich unter steilen Felsflanken über 2000 Metern. Gesperrte Wege sind dort nicht Bürokratie, sondern das Ergebnis von Messungen: Am Spitzen Stein wurde der Block, der am 8. August fiel, vorher mit rund sechs Zentimetern Bewegung pro Tag beobachtet und sein Absturz einen Tag vorher in der Lagebeurteilung angekündigt.
Für Skifahrer ändert sich im Winter wenig. Eine Piste liegt auf Schnee, und der interessiert sich nicht für den Permafrost darunter. Was sich ändert, ist die Infrastruktur: Anlagen in Permafrostgebieten brauchen aufwendigere Fundamente, häufigere Kontrollen und irgendwann Ersatz. Das ist ein Kostenfaktor, der bei den kleinen Gebieten stärker wiegt als bei den grossen, und er taucht in keiner Tageskarte auf.
Quellen
- PERMOS, Swiss Permafrost Monitoring Network: 23 Bohrlochstandorte, Auswertung 2025. Erwärmung von über 0,8 °C in 10 m Tiefe über 2014 bis 2025, in 20 m rund die Hälfte davon. Rekordwerte im hydrologischen Jahr 2024. Auftauschicht am Schilthorn im Winter 2024 erstmals nicht durchgefroren. Blockgletscher von einigen Dezimetern pro Jahr in den 1990ern auf mehrere Meter pro Jahr 2024.
- Gemeinde Kandersteg, Lagebeurteilungen Spitze Stei, August 2026. Abbruch vom 8. August 2026 um 13.30 Uhr, rund 1500 m³; Bewegung des betroffenen Blocks rund 6 cm pro Tag, Flanke insgesamt rund 1 cm pro Tag; Sperrzone ausgelegt auf Abbrüche bis 200’000 m³; Höhenlage 2200 bis 2900 m.
- Blick, 24. August 2022, zum früheren Abbruch von rund 10’000 m³ an derselben Flanke.
- Zur Rolle des Permafrosts beim Bergsturz von Blatten im Mai 2025: Die betroffene Wand am Kleinen Nesthorn liegt über 500 m oberhalb der Permafrostgrenze und ist nordexponiert; der Beitrag des Permafrostauftauens ist ungeklärt.
- Zu den Sperrungen und Routenverlegungen im Sommer 2026: Mitteilungen der Bergführerbüros sowie Berichterstattung von SRF, NZZ und dem Deutschen Alpenverein.
Wo sich Angaben widersprechen, steht die Zahl der Behörde. Die 10’000 Kubikmeter, die in einigen Meldungen zum Oeschinensee kursieren, stammen aus dem Ereignis von 2022 und nicht von diesem August.